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1/2008

Carl Schäfer und die Vollendung der Meißner Domtürme

Das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der man landauf, landab das vollendete, was das Mittelalter nicht mehr vollenden konnte. Wo noch im 14. Jahrhundert die Geldquellen sprudelten, wo noch im 15. Jahrhundert letzte Anstrengungen unternommen wurden, da erlahmte die Kraft, versiegten die Quellen in einer Zeit, als die Religionsstreitigkeiten die Politik bestimmten und Europa begann, sich in der Konkurrenz um die Vorherrschaft aufzureiben. Straßburg und Freiburg sind die einzigen Dombauten der gotischen Zeit, die vollendet waren - Köln, Regensburg, Ulm blieben das, was man heute spöttisch "Investitionsruinen" nennt. Auf der Plattform des Kölner Domturmstumpfs blieb gar der Baukran als neues Wahrzeichen der Stadt stehen.

Klicken für Großansicht der Albrechtsburg mit Dom in MeißenDas 19. Jahrhundert allerdings mit seiner rückwärtsgewandten Mittelalterbegeisterung sah sich berufen, diese Werke zu vollenden, fast möchte man sagen, schöner als sie jemals gebaut worden wären. Das Mittelalter galt als die Zeit, in der die Welt noch so in Ordnung war, wie man sie sich angesichts der Umwälzungen, die Französische Revolution, Liberalismus und Industrialisierung dachte. Preußens König Friedrich Wilhelm IV., der davon träumte, einen gotischen "Nationaldom" zu bauen, machte den Anfang und initiierte die Vollendung des Kölner Doms - sehr zum Spott der liberalen und fortschrittlich gesonnenen Zeitgenossen im Übrigen. Heinrich Heine dichtete darauf seine Spottverse.

Es galt als Vollendung, was da gebaut wurde. Wenn man Glück hatte, waren die alten Pläne noch vorhanden, und man konnte nach diesen Plänen "weiterbauen". Wo diese nicht vorhanden waren, oder wo der Wille, schöner zu bauen, dominierte, waren die Architekten des Historismus gefragt.

In Meißen stand der Dom ebenfalls unvollendet da. Die um 1470 von Dombaumeister Arnold von Westfalen geplante Zweiturmanlage blieb in den Ansätzen stecken. Hölzerne Glockengerüste brannten 1547 ab. In der romantischen Mittelalterbegeisterung des 19. Jahrhunderts träumte man auch hier von einer Vollendung, die sich Caspar David Friedrich schon als Doppelturmanlage träumte. Verwirklicht wurde allerdings nur eine neugotische Balustrade. Erst der 1896 gegründete Meißner Dombauverein, dessen Mitglied zu sein eine ganz Sachsen umfassende Ehre bedeutete, sammelte durch eine Lotterie die zum Aufbau nötigen Mittel.

1902 wurde der Bau begonnen. Die Pläne dazu lieferte der Karlsruher Architekturprofessor Carl Schäfer (1844-1908), dessen Heidelberger Schloss-Pläne unmittelbar vorher keine Fortsetzung gefunden hatten. In nur sechs Jahren wuchsen die Türme in den Himmel, im August 1907 wurden die Kreuzblumen in 87 Meter Höhe auf die Turmspitzen gesetzt. Schäfer erlebte die Vollendung des fertiggestellten Meißner Doms nicht mehr, er starb im März 1908. Im Oktober desselben Jahres feierte der Dombauverein die Einweihung der Kirche.

Schäfers Werke, ob der Friedrichsbau im Heidelberger Schloss mit seiner Neo-Renaissance-Ausstattung, ob die Freiburger Stadt-Türme mit ihren - nicht mehr erhaltenen - neu-mittelalterlichen Aufsätzen oder wie hier die neugotischen Türme des Meißner Doms, galten zu seiner Zeit als der Baukunst des Mittelalters ebenbürtige Schöpfungen. Dass Schäfer dennoch sehr wohl den Spagat zwischen alter Kunst und modernster Technik zu schaffen und auch zu formulieren versuchte, zeigen winzige Details wie die "Schrauben" an den Renaissance-Ornamenten im Heidelberger Friedrichsbau. Wie das Heidelberger Projekt gestoppt wurde, sprachen sich auch bei Meißen namhafte Kunsthistoriker und Architekten gegen die "Verschäferung" des Doms aus. Schäfers Werk allerdings wird heute nicht mehr als "Vollendung" der Bauten aus Mittelalter und Renaissance gesehen, sondern als eigenständige Kunstschöpfung einer Zeit, die aus der Vergangenheit die Kraft für die Gegenwart zu ziehen versuchte - eben des Historismus. Insofern kommt Carl Schäfer zu späten Ehren.

Die Meißner Domtürme sind ungeachtet aller kunsthistorischen Kontroversen zum Markenzeichen der Stadt Meißen und zum Wahrzeichen des sächsischen Elblands geworden.

Schäfers Arbeit in Meißen ist Gegenstand einer Ausstellung, die das Meißner Stadtmuseum gemeinsam mit dem mit dem Hochstift Meißen unter dem Titel "Himmelzeichen - 100 Jahre Meißner Domtürme" (täglich von 11-17 Uhr) zeigt.

Zweites Bild: Meißner Dom, Westansicht mit den Türmen Carl Schäfers. © Hochstift Meißen

Bild: Meißner Dom auf dem Burgberg. Wikimedia Commons
Bild: Bruchsal, Barockresidenz
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