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Carl Schäfer und die Vollendung der
Meißner Domtürme
Das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der man landauf, landab
das vollendete, was das Mittelalter nicht mehr vollenden konnte.
Wo noch im 14. Jahrhundert die Geldquellen sprudelten, wo
noch im 15. Jahrhundert letzte Anstrengungen unternommen wurden,
da erlahmte die Kraft, versiegten die Quellen in einer Zeit,
als die Religionsstreitigkeiten die Politik bestimmten und
Europa begann, sich in der Konkurrenz um die Vorherrschaft
aufzureiben. Straßburg und Freiburg sind die einzigen Dombauten
der gotischen Zeit, die vollendet waren - Köln, Regensburg,
Ulm blieben das, was man heute spöttisch "Investitionsruinen"
nennt. Auf der Plattform des Kölner Domturmstumpfs blieb gar
der Baukran als neues Wahrzeichen der Stadt stehen.
Das
19. Jahrhundert allerdings mit seiner rückwärtsgewandten Mittelalterbegeisterung
sah sich berufen, diese Werke zu vollenden, fast möchte man
sagen, schöner als sie jemals gebaut worden wären. Das Mittelalter
galt als die Zeit, in der die Welt noch so in Ordnung war,
wie man sie sich angesichts der Umwälzungen, die Französische
Revolution, Liberalismus und Industrialisierung dachte. Preußens
König Friedrich Wilhelm IV., der davon träumte, einen gotischen
"Nationaldom" zu bauen, machte den Anfang und initiierte die
Vollendung des Kölner Doms - sehr zum Spott der liberalen
und fortschrittlich gesonnenen Zeitgenossen im Übrigen. Heinrich
Heine dichtete darauf seine Spottverse.
Es galt als Vollendung, was da gebaut wurde. Wenn man Glück
hatte, waren die alten Pläne noch vorhanden, und man konnte
nach diesen Plänen "weiterbauen". Wo diese nicht vorhanden
waren, oder wo der Wille, schöner zu bauen, dominierte, waren
die Architekten des Historismus gefragt.
In Meißen stand der Dom ebenfalls unvollendet da. Die um
1470 von Dombaumeister Arnold von Westfalen geplante Zweiturmanlage
blieb in den Ansätzen stecken. Hölzerne Glockengerüste brannten
1547 ab. In der romantischen Mittelalterbegeisterung des 19.
Jahrhunderts träumte man auch hier von einer Vollendung, die
sich Caspar David Friedrich schon als Doppelturmanlage träumte.
Verwirklicht wurde allerdings nur eine neugotische Balustrade.
Erst der 1896 gegründete Meißner Dombauverein, dessen Mitglied
zu sein eine ganz Sachsen umfassende Ehre bedeutete, sammelte
durch eine Lotterie die zum Aufbau nötigen Mittel.
1902 wurde der Bau begonnen. Die Pläne dazu lieferte der
Karlsruher Architekturprofessor Carl Schäfer (1844-1908),
dessen Heidelberger Schloss-Pläne unmittelbar vorher keine
Fortsetzung gefunden hatten. In nur sechs Jahren wuchsen die
Türme in den Himmel, im August 1907 wurden die Kreuzblumen
in 87 Meter Höhe auf die Turmspitzen gesetzt. Schäfer erlebte
die Vollendung des fertiggestellten Meißner Doms nicht mehr,
er starb im März 1908. Im Oktober desselben Jahres feierte
der Dombauverein die Einweihung der Kirche.
Schäfers Werke, ob der Friedrichsbau im Heidelberger Schloss
mit seiner Neo-Renaissance-Ausstattung, ob die Freiburger
Stadt-Türme mit ihren - nicht mehr erhaltenen - neu-mittelalterlichen
Aufsätzen oder wie hier die neugotischen Türme des Meißner
Doms, galten zu seiner Zeit als der Baukunst des Mittelalters
ebenbürtige Schöpfungen. Dass Schäfer dennoch sehr wohl den
Spagat zwischen alter Kunst und modernster Technik zu schaffen
und auch zu formulieren versuchte, zeigen winzige Details
wie die "Schrauben" an den Renaissance-Ornamenten
im Heidelberger Friedrichsbau. Wie das Heidelberger Projekt
gestoppt wurde, sprachen sich auch bei Meißen namhafte Kunsthistoriker
und Architekten gegen die "Verschäferung" des Doms aus. Schäfers
Werk allerdings wird heute nicht mehr als "Vollendung" der
Bauten aus Mittelalter und Renaissance gesehen, sondern als
eigenständige Kunstschöpfung einer Zeit, die aus der Vergangenheit
die Kraft für die Gegenwart zu ziehen versuchte - eben des
Historismus. Insofern kommt Carl Schäfer zu späten Ehren.
Die
Meißner Domtürme sind ungeachtet aller kunsthistorischen Kontroversen
zum Markenzeichen der Stadt Meißen und zum Wahrzeichen des
sächsischen Elblands geworden.
Schäfers Arbeit in Meißen ist Gegenstand einer
Ausstellung, die das Meißner Stadtmuseum gemeinsam mit
dem mit dem Hochstift Meißen unter dem Titel "Himmelzeichen
- 100 Jahre Meißner Domtürme" (täglich von 11-17 Uhr) zeigt.
Zweites Bild: Meißner
Dom, Westansicht mit den Türmen Carl Schäfers.
© Hochstift Meißen
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