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3/2016

Die Mauer muss weg!

Heidelberg, HeiliggeistkircheVor 80 Jahren fiel sie endgültig: die Scheidemauer in der Heidelberger Heiliggeistkirche, die von 1705 bis 1886 und von 1892 bis 1936 das evangelische Langhaus vom katholischen Chor trennte. Ein Beitrag zum Thema Jubiläen und Jahrestage.

Der Frieden von Rijswijk, der den Neunjährigen Krieg, den sog. Pfälzischen Erbfolgekrieg, beendete, enthielt unter anderem Bestimmungen, die die Katholiken in der Pfalz begünstigten. Kurfürst Johann Wilhelm (1690–1716) aus dem katholischen Haus Pfalz-Neuburg förderte die Gegenreformation und den Jesuitenorden und bestimmte, dass die Kirchen der Pfalz als Simultankirchen allen drei Konfessionen – Reformierten, Katholiken und Lutheranern – zur Nutzung offen stehen sollten. Die neu erbauten katholischen Kirchengebäude sollten jedoch den Katholiken allein zustehen.

Diese für die Protestanten durchweg nachteilige Politik stieß bei den evangelischen Reichsständen, allen voran Brandenburg-Preußen, das sich als Schutzmacht der Protestanten im Reich sah, auf Misstrauen.

Als im Spanischen Erbfolgekrieg 1703 kaiserliche Truppen die Oberpfalz besetzten und der bayerische Kurfürst 1704 die Schlacht bei Höchstädt verlor, rechnete sich Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz aus, dass er die Oberpfalz samt der 1623/28 an Bayern verlorenen ersten Kurwürde zurückbekommen würde. Angesichts der gegenreformatorischen Politik in der Pfalz waren die evangelischen Reichsstände jedoch nicht für eine solche Rangerhöhung zu gewinnen.

In dieser Lage vollzog der Kurfürst eine politische Richtungsänderung. In der 1705 erlassenen Kurpfälzer Religionsdeklaration. Sie regelte vor allem die bis dahin strittigen – und meist zu Gunsten der Katholiken ausgelegten – Vermögensverhältnisse. Die Kirchen im Land mitsamt Pfarrhäusern und Schulen wurden zwischen den Reformierten und den Katholiken im Verhältnis fünf zu zwei aufgeteilt, ebenso das Kirchenvermögen. Das Simultaneum, also die parallele Nutzung der Kirchengebäude, wurde, wo es möglich war, aufgehoben. Größere Kirchen wurden durch eine Scheidemauer getrennt, das – größere – Langhaus erhielten die Reformierten, den Chor die Katholiken. So auch die Heiliggeistkirche in der alten kurpfälzischen Residenz Heidelberg.

Scheidemauer in der Stiftskirche in Neustadt/Weinstraße. Sie trennt den katholischen Chor vom evangelischen LanghausNach diesem Kurswechsel konnte Johann Wilhelm tatsächlich 1708 Kurwürde und Oberpfalz für sich gewinnen, musste sie allerdings 1714 im Frieden von Rastatt wieder herausgeben.

Mit einer solchen Scheidemauer wurde auch die Heidelberger Heiliggeistkirche in zwei Teile getrennt.

Rechts: Scheidemauer in der Stiftskirche in Neustadt/Weinstraße

Johann Wilhelms Nachfolger, Kurfürst Carl Philipp reklamierte 1719 die Heidelberger Heiliggeistkirche für sich, um sie als angemessene katholische Hofkirche seiner Residenzstadt zu nutzen. Den daraus entstehenden Streit mit dem Heidelberger Oberkirchenrat versuchte er, durch einen Gewaltstreich zu lösen und ließ – der Überlieferung nach in einer Nacht- und Nebel-Aktion – die Mauer abbrechen. Dem Protest gegen diesen Gewaltakt schloss sich der König von Preußen an, der Kaiser sah sich an geltendes Recht gebunden, Carl Philipp musste nachgeben. Die Mauer wurde wieder aufgebaut, Carl Philipp nutzte die fürstliche Erregung, um 1720 seinen Entschluss zum Umzug der Residenz nach Mannheim zu verkünden.

Die Mauer blieb und trennte wieder den katholischen vom evangelischen Teil, auch nachdem 1809 die katholische Heiliggeistgemeinde die Jesuitenkirche als neue Pfarrkirche erhalten hatte. Der Chor diente in der Folgezeit nur noch verschiedenen katholischen Bruderschaften als Gottesdienstraum. Ab 1874 nutzte die neue altkatholische Gemeinde den Chor, ohne dass die römisch-katholische Kirche ihr Besitzrecht daran aufgegeben hätte. bis zum Universitätsjubiläum 1886 die Kirche im alten Glanz erstrahlen sollte. Die Mauer wurde niedergelegt und die Heiliggeistkirche bot wieder das Bild, das sie bis 1705 hatte.

Nach den Jubiläumsfeierlichkeiten sollte die Mauer niedergelegt bleiben, ein Gerichtsurteil verlangte jedoch 1892 ihren Wiederaufbau. So war der Chor wieder katholisch, das Langhaus evangelisch. Die Mauer blieb ein bestimmendes Merkmal der Trennung, bis 1936 die Katholiken den Chor von Heiliggeist räumten und der ganze Kirchenraum evangelisch wurde. Seitdem ist die Mauer weg und die Kirche als Gebäude wieder vereint.

Die Mauer steht noch in den Kirchen von Neustadt an der Weinstraße und Mosbach, wo sie weiterhin den katholischen Chor vom evangelischen Langhaus trennt. In Mosbach ging man allerdings so weit, die Mauer für eine Tür zu durchbrechen, die den Begegnungswillen zwischen den Konfessionen und Kirchengemeinden versinnbildlichen soll. In Neustadt wäre eine solche Tür schwer zu verwirklichen, da stehen die großen Grabplatten der kurfürstlichen Familie des 14. Jahrhunderts im Weg.

Katholischer Chor der Stiftskirche in Neustadt/Weinstraße mit den Grabmälern der pfalzgräflichen Familie
Katholischer Chor der Stiftskirche in Neustadt/Weinstraße mit den Grabmälern der pfalzgräflichen Familie


Stiftskirche Mosbach: Verbindungstür in der Scheidewand


Bild: St. Peter im Schwarzwald
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