Landesverein Badische Heimat e.V.

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2/2016

Franz Schnabel 1887 – 1966
Zum einhundertsten Todestag

Von Christoph Bühler

Franz Schnabel ist am 18. Dezember 1887 als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Mannheim geboren. Von väterlicher Seite lernte er die humanistischen und liberalen Strömungen des Mannheimer Bürgertums kennen, von seiner Mutter – Französin, Normannin, Katholikin – lernte er, über den Tellerrand zu blicken. „Dank den Verwandten meiner Mutter kam ich schon als Knabe nach der Normandie und nach Paris. Wer aber in seiner Jugend französischen Boden betritt, wird immer den Sinn für die großen Konturen der Weltgeschichte mitnehmen“, sagte er später dazu. Das Gymnasium vermittelte ihm klassische Bildung und humanistische Tradition, prägend wirkte aber auch die reiche lokale und regionale Kulturgeschichte und ebenso die industrielle Dynamik der Mannheimer Region.

Nach dem Abitur begann Franz Schnabel 1906 das Studium der Geschichte und Romanistik an den Universitäten Berlin und Heidelberg und schloss sie mit dem Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien 1910 ab. Im selben Jahr promovierte ihn die Universität Heidelberg zum Doktor der Philosophie mit der von Hermann Oncken gestellten Arbeit „Der Zusammenschluss des politischen Katholizismus in Deutschland im Jahre 1848“.

Schnabel selbst zu seiner Prägung währen seiner Studienzeit: „In Berlin gehörte ich dem Seminar Max Lenz an, der meinem Studium die entscheidende Richtung gab im Geiste Rankes und seiner Art, historische Dinge zu betrachten. In Heidelberg erweckte Erich Mareks jugendliche Begeisterung, auf die ich heute mit Resignation, aber nicht mit Bedauern zurückblicke; dann trat ich seinem Nachfolger Hermann Oncken nahe, in welchem ich meinen eigentlichen Lehrer verehre. Ihm, dem ich mich auch persönlich eng verbunden fühle, verdanke ich die Vertiefung und Erweiterung all der allgemeinen Anregungen, die einst Max Lenz in Berlin gegeben hatte, und ihm verdanke ich auch im einzelnen den Hinweis auf die politischen Ideen, der bis heute meine besondere wissenschaftliche Liebe gehört.“

Ende 1913 schied Schnabel zunächst aus dem Schuldienst aus und arbeitete bei der Badischen Historischen Kommission, lehrte allerdings nach seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg 1919 zunächst am Lessing-Gymnasium in Karlsruhe, ab 1920 als Professor an der Goetheschule.

Das Thema seiner Dissertation führte Schnabel weiter und legte 1920 seine Habilitationsschrift an der technischen Universität Karlsruhe zum Thema „Geschichte der Ministerverantwortlichkeit in Baden“ vor. Zuvor war er Gymnasiallehrer an Gymnasien in Mannheim und Karlsruhe; sein Hauptanliegen im Geschichtsunterricht: „Die Schüler sollen begreifen, warum geschichtliche Ereignisse eintraten, nicht nur, dass es sie gab“.
1920 wurde Schnabel Privatdozent und 1922 ordentlicher Professor der Geschichte. Sein Lehrstuhl an der Karlsruher Technischen Universität war dabei eher eine Außenseiterstelle, kein „Karrieresprungbrett“ (Clemens Rehm, 2002).

Sowohl in seiner Dissertation als auch in seiner Staatsexamensarbeit („Inwieweit ist die Kulturgeschichte im Geschichtsunterricht der Oberklassen zu berücksichtigen?“) hatte Franz Schnabel dem Begriff der Kulturgeschichte hohen Stellenwert beigemessen. Damit stand er nicht nur in der Tradition Jakob Burckhardts sondern auch in der Karl Lamprechts, der um 1900 „die ‚kulturhistorische Methode’ zu der wissenschaftlichen Methode aller Geschichtsschreibung schlechthin“ erheben wollte. Das Lager der „politischen Geschichte“ betritt das vehement und suchte nach einer Gesetzmäßigkeit in der Abfolge typischer Geisteshaltungen.

Darüber hinaus sah er den humanistischen Bildungsbegriff nicht auf das Erlernen alter Sprachen begrenzt. Geschichtsschreibung musste nach ihm von den „Ketten des Nationalismus“ (Leonhard Müller) befreit werden, der seit dem säkularisierten 19. Jahrhundert zu einer Ersatzreligion geworden war.

1926 begann Schnabel auf dieser geschichtswissenschaftlichen Basis mit den Arbeiten an seinem Hauptwerk „Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert“, das bei Herder in Freiburg erscheinen sollte. Er unternahm damit den Versuch, die politische Geschichte sowie die Sozial-, Kultur-, Wirtschafts- und Technikgeschichte des 19. Jahrhunderts als ein in sich verflochtenes System darzustellen une begreifbar zu machen. Die „Kulturkrise“ des 20. Jahrhunderts hatte für ihn in diesem Feld ihre Voraussetzungen.

Im Vorwort zur 1. Auflage schreibt er 1929 dazu: „Ich habe mich bemüht, die innige Verflochtenheit aller Lebensgebiete zu untersuchen und darzustellen, um so in großen Zügen eine Biographie des europäischen und des deutschen Menschen zu geben und die gegenwärtige Lage der europäischen Kultur und im besonderen des deutschen Volkes historisch zu deuten. ... Denn es kommt mir nicht lediglich darauf an, Zeitalter und Kulturen zu porträtieren, sondern die Gegenwart zu verstehen und das Leben zu begreifen aus seiner Entwicklung.“

Politisch stand Schnabel uneingeschränkt auf der Seite der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik, was es den Nationalsozialisten 1936 leicht machte, seinen Lehrstuhl zugunsten eines Lehrstuhls im Fach Chemie zu streichen. Sein Werk blieb mit vier Bänden unvollendet, die Veröffentlichung des fünften Bands, der schon im Satz war, verhinderten die Nationalsozialisten. Von 1936 bis 1945 lebte Schnabel zurückgezogen als Privatgelehrter in Heidelberg.

1945 wurde er Landesdirektor für Unterricht und Kultus in Nordbaden und zeichnete im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht verantwortlich für die Schulpolitik. Als er mit seinen Maßnahmen und Plänen auf Widerstand stieß, bat er zum 1. November 1947 um seine Entlassung.

Dass seine Bemühungen um einen Lehrstuhl in Heidelberg erfolglos blieben, wird einerseits auf seine Position als katholischer Historiker, andererseits auf eine gewisse Reserviertheit gegenüber „Karlsruhe“ zurückgeführt. 1947 nahm er einen Ruf an die Universität München an, legte dabei allerdings Wert darauf, nicht einen der für Katholiken reservierten „Konkordatslehrstühle“ zu besetzen, sondern einen „freien“ Lehrstuhl, um den sich zugleich auch der dann in Göttingen lehrende Hermann Heimpel bemühte. 1948 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Erst 1962 wurde er auf eigenen Wunsch im Alter von 75 Jahren emeritiert.

Seine Deutsche Geschichte wurde nach 1945 mehrfach neu aufgelegt. Schnabel war Ehrenbürger der Stadt Mannheim (1954), Ehrendoktor mehrerer Fakultäten und Ehrenmitglied der British Historical Association und der American Historical Association. 1951 – 1959 war er Präsident der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen prominentesten Schülern gehören die Historiker Franz Herre, Heinrich Lutz, Karl Otmar Freiherr von Aretin, Friedrich Hermann Schubert, Eberhard Weis, Erich Angermann, Imanuel Geiss, Lothar Gall, Peter Hoffmann, Peter Krüger, Adelheid von Saldern und der Jurist Ernst-Wolfgang Böckenförde.

Franz Schnabel war in vielfacher Hinsicht ein Außenseiter unter den deutschen Historikern seiner Zeit: Er erkannte die Bedeutung der Französischen Revolution für die politische Kultur Deutschlands an, wies auf die liberalen Traditionen beim Freiherrn vom Stein hin (gegen Gerhard Ritter), er stand kritisch gegenüber Bismarcks Kleindeutscher Lösung, förderte die Kultur- und Technikgeschichte neben der politischen und stellte europäische über nationale Horizonte. Seine Antwort auf die deutsche Katastrophe war die Besinnung auf den Humanismus, von der Massendemokratie versprach er sich wenig.

Von Schnabels Hauptwerk ist 1987 ein photomechanischen Nachdruck der Erstausgabe erschienen (ISBN 3-423-04461-6).
I. Deutschland im Zusammenhang der europäischen Geschichte. 1929.
II. Monarchie und Volkssouveränität. 1933.
In der Einleitung, geschrieben am 1. Juni 1933, stellte Franz Schnabel fest: „Wir haben in den letzten Wochen und Monaten fast physisch fühlbar erlebt, wie die Tore des 19. Jahrhunderts endgültig und vollständig geschlossen worden sind“
III. Erfahrungswissenschaften und Technik. 1934.
IV. Die religiösen Kräfte. 1937.
Band V, im Manuskript abgeschlossen, behandelt die nationale Idee in Deutschland bis 1848/49. 1942/43 beendete Franz Schnabel die Arbeit an diesem Werk mit den Worten: „Wenn die Welt mein Werk nicht haben will, dann kann es eben jetzt nicht erscheinen“ endgültig,

Literatur:

Müller, Leonhard: Franz Schnabel. Zur Erinnerung an seinen 100. Geburtstag. Badische Heimat 67 (1987) S. 499 - 504

Steinsdorfer, Helmut: Ein Historiker von universaler Weite. Franz Schnabel (1887 bis 1966) zum 100. Geburtstag am 18. Dezember 1987. Badische Heimat 67 (1987) S. 505 - 513

Diezinger, Sabine: Das Bild der Französischen Revolution bei Franz Schnabel. Badische Heimat 71 (1991) S. 275 - 286

Schmid, Adolf: Pädagoge und Historiker: Franz Schnabel /1887 - 1966). Badische Heimat 82 (2002) S. 545 - 547.

Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Schnabel


Bild: St. Peter im Schwarzwald
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