Landesverein Badische Heimat e.V.

Badische Heimat - das Online-Magazin

3/2015

Zwischen Verbürgerlichung und Vernichtung:

Das jüdische Konstanz

Das jüdische Konstanz - Blütezeit und Vernichtung
16. Juli bis 30. Dezember 2015
Kulturzentrum am Münster, Richentalsaal, Konstanz

Die Ausstellung | Der Katalog

Der Katalog

Die Geschichte des Judentums am badischen Ufer des Bodensees ist, wie nicht anders zu erwarten, ein Spiegelbild der Verhältnisse und Entwicklungen in Baden und zeigt dennoch gewisse Eigenheiten, die der speziellen Situation der Stadt am See geschuldet sind. Da stehen Emanzipationsbestrebungen, wie sie die Aufklärung formuliert und gefordert hatte, gegen Ansichten, dass das Judentum ein durchweg „antisoziales Wesen“ habe (Rotteck 1846) und ohne durchgreifende soziale und religiöse (!) Erneuerung nicht integrierbar sei.

Die Weigerung der Stadt Konstanz, überhaupt Juden als Bürger aufzunehmen fiel erst mit dem Aufkommen der demokratischen Bewegung 1847 – allerdings nur formal. Das Bürgerrecht für Juden war an so hohe finanzielle Hürden geknüpft, dass letztlich alles beim Alten blieb. Folge jedoch war eine erbitterte publizistische Debatte in der Stadt, in der den Juden bereits alle Eigenschaften zugeschrieben wurden, die dann später die antijüdische Propaganda der Nationalsozialisten wieder aufwärmte.

In dieser Situation blieb die jüdische Geschichte der Stadt eine Geschichte der Begegnung mit dem Landjudentum der Region. Soziale Kontakte gab es nur am Marktstand. Kurz vor Ausbruch der Revolution 1848 fielen die Juden in 30 badischen Ortschaften einem Pogrom zum Opfer. Das hinderte indessen Elias Bloch aus Gailingen nicht, sich 1848 dem Freischarenzug Heckers anzuschließen und später die schwarz-rot-goldene Freiheitsfahne vor den Preußen in Sicherheit zu bringen.

Zwischen dem Beginn der Emanzipationsdebatte in Baden und der rechtlichen Gleichstellung der Juden im Land lagen acht Jahrzehnte. 1862 wurden mit dem Gleichstellungsgesetz sämtliche verfassungsrechtlichen Einschränkungen, denen die Juden bisher unterworfen waren, aufgehoben. Die Konstanzer Zeitung, bislang Sprachrohr der antijüdischen Konservativen, vertrat jetzt die Haltung der liberalen Gleichstellung.

Zylinderschachtel der von Sally Salomon betriebenen Firma „Union“ in der Bodanstraße 18 und ein Zylinder der Gebrüder Guggenheim, Rosgartenstraße 32. Um 1900.Im Zeitalter der Industrialisierung und auch einer wachsenden Mobilität der Gesellschaft erlebte die Stadt am Bodensee einen kräftigen Aufschwung, die Einwohnerzahl stieg von 8000 im Jahr 1864 auf 16000 im Jahr 1888. Die Juden in der Stadt, jetzt tatsächlich jüdische Mitbürger, leisteten ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Blüte. Sie gründeten Geschäfte, Handelsunternehmen und Fabriken, darunter auch das von Heinrich Tannhauser betriebene erste Warenhaus der Stadt. Zur Zeit der Hochblüte der jüdischen Gemeinde in Konstanz wurden 76 jüdische Einzel- und Großhändler, Ärzte, Architekten, Anwälte, Viehhändler und Metzger verzeichnet, Juden gründeten Industrieunternehmen und engagierten sich in der Kommunalpolitik.

Bild: Zylinderschachtel der von Sally Salomon betriebenen Firma „Union“ in der Bodanstraße 18 und ein Zylinder der Gebrüder Guggenheim, Rosgartenstraße 32. Um 1900. © Rosgartenmuseum Konstanz

Mit der errungenen rechtlichen Gleichstellung, aber trotz der weiter vorhandenen sozialen Diskriminierung verwirklichten viele jüdische Familien einen sozialen Aufstieg durch Bildung. In der „goldenen Epoche“ vor dem Ersten Weltkrieg – letztlich einer kurzen Blütezeit – pflegte die jüdische Bevölkerung, vor allem natürlich die wirtschaftlich erfolgreichen Familien, einen Lebensstil, der dem der entsprechenden Schichten der deutschen Bevölkerung durchaus entsprach. Die Wertvorstellungen der wilhelminischen Gesellschaft galten ebenso wie ein deutscher und badische Patriotismus gepflegt wurde. Die Assimilation der Juden schritt fort und wurde zunehmend zu einer deutlichen Verbürgerlichung. Wie es scheint, war den Konstanzer Vereinen der andernorts gepflegte Antisemitismus fremd.

Sonntagsspaziergang im Hafen: Kinder der Familien Veit und Schatz im typischen „Sonntagsstaat“ der wilhelminischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende. © Rosgartenmuseum Konstanz
Sonntagsspaziergang im Hafen: Kinder der Familien Veit und Schatz im typischen „Sonntagsstaat“ der wilhelminischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende. © Rosgartenmuseum Konstanz

Das änderte sich in den 1920er Jahren, wie sich am Konstanzer „Wandervogel“ zeigt. Gegründet 1896 von einem jüdischen Schüler und reformorientiert, konnte der Verein vor dem Krieg noch rassistische Tendenzen neutralisieren, geriet aber gegen Ende des Kriegs unter die Dominanz der Völkischen. Der Krieg selbst und die folgende Inflation traf Juden und Nichtjuden gleichermaßen. Die Opferbereitschaft jüdischer Kriegsfreiwilliger von 1914 hinderte 1933 weder in Konstanz noch anderswo die SA an ihren Pogromen.

War die ältere Geschichtsschreibung – auch und gerade von jüdischer Seite – noch davon ausgegangen, dass in Konstanz selbst kein Antisemitismus am Wirken war, hat die lokalgeschichtliche Forschung mittlerweile durchaus die Hinwendung Konstanzer Kreise zum Gedankengut des Nationalsozialismus nachgewiesen.

Wohl auf dieser Grundlage, aber auch im Sog der allgemeinen Tendenz, der sich zu entziehen in Konstanz keine Basis bestand, marschierte die Bodenseestadt in Gleichschaltung und Ausgrenzung. Allein die Gegenwart Schweizer Besucher und Kunden verhinderte anfänglich die gröbsten Übergriffe. Die Kritik der Schweizer Blätter allerdings änderte an der sich zunehmend verschlechternden Lage der Juden am deutschen Ufer des Sees nichts.

Der Isolierung und Ausgrenzung der Konstanzer Juden folgte die mehr oder weniger schleichende Enteignung durch die „Arisierung“. Hier kann nur punktuell nachverfolgt werden, wie diese „größte Umverteilung von Vermögenswerten in der jüngeren deutschen Geschichte“ vor sich ging. Systematische Vernichtung von Akten einerseits, datenschutzrechtliche Restriktionen andererseits verhindern in vielen Fällen eine Aufarbeitung.

Die Ruine der gesprengten Synagoge, aufgenommen einige Tage nach dem Pogrom. Ein Konstanzer Bauunternehmer führt bereits die Trümmersteine weg. © Rosgartenmuseum KonstanzDer „Volkszorn“, den die Nationalsozialisten am 9. November 1938 gegen die jüdischen Gotteshäuser „mobilisierten“, traf die Konstanzer Synagoge weder unvorbereitet noch spontan. Eine erste Brandstiftung hatte schon 1936 erhebliche Schäden angerichtet, die Polizei hatte damals noch gegen die Täter ermittelt. Im Juni 1938 nahmen die Besucher der Stadt noch mit Betroffenheit und Unwillen die neuerlichen Boykottaktionen wahr. Planmäßig und gesteuert wurde dann am 9. November die Synagoge in Brand gesetzt – die Aktion, die in der Tat planmäßig wie in den anderen Städten des Landes verlief, erhielt allerdings in Konstanz noch eine zusätzliche Note: Da das herbeigeschaffte Benzin allein nicht ausreichte und das Gebäude nicht recht brennen wollte, musste der Feuerwehrkommandant selbst auf den Dachboden steigen, um die Dachluken zu öffnen. Am folgenden Morgen wurde die Brandruine dann gesprengt. Die andernorts üblichen Plünderungen und Zerstörungen jüdischen Eigentums blieben allerdings aus.

Die Ruine der gesprengten Synagoge, aufgenommen einige Tage nach dem Pogrom. Ein Konstanzer Bauunternehmer führt bereits die Trümmersteine weg. © Rosgartenmuseum Konstanz

Das grausige Schauspiel der Auslöschung des jüdischen Lebens in Konstanz ging weiter. Im Oktober 1940 wurden fast alle Juden aus Konstanz und den umliegenden Bodenseegemeinden in das Pyrenäenlager Gurs deportiert. Die Betten, aus denen sie geholt worden waren, waren noch warm, als einige Nachbarn deren Wohnungen plünderten. Später begann das Kompetenzgerangel um die „Verwertung“ des jüdischen Eigentums und kaum einer, der bei Versteigerungen („unter großem Publikumsandrang“) ein Schnäppchen mitnahm, machte sich Gedanken über dessen Herkunft. Die Deportierten in Gurs kämpften derweil um das nackte Überleben. Kreuzlinger Juden schickten Pakete mit Lebensnotwendigem, die Nationalsozialisten schmiedeten ihre Pläne für die „Endlösung“ in den Todesmaschinen des Ostens.

Blick auf den 1869 errichteten jüdischen Teil des Konstanzer Hauptfriedhofs. Während der NS Diktatur wurde der Friedhof nicht wie andernorts zerstört. © Rosgartenmuseum Konstanz
Blick auf den 1869 errichteten jüdischen Teil des Konstanzer Hauptfriedhofs. Während der NS Diktatur wurde der Friedhof nicht wie andernorts zerstört. © Rosgartenmuseum Konstanz

Nach 1945 fand sich kein Ansatzpunkt mehr für ein neues jüdisches Gemeindeleben am Bodensee. Ein schon im Sommer gegründetes „Israelisches Komitee“ organisierte Hilfe für die „Displaced Persons“, die Versprengten, die sich hier aufhielten. Mitglieder der Kreuzlinger Gemeinde halfen auch hier. Für die Behörden, allen voran die Stadtverwaltung, war Funktionsfähigkeit, gepaart mit Verdrängung, wichtiger als Aufarbeitung von Unrecht oder gar Selbstreinigung. Eine neue jüdische Gemeinde erstand erst langsam wieder und wurde 1964 formell gegründet.

Der kurz vor Kriegsbeginn emigrierte Hemdenhersteller Iwan Leib, forderte sein 1940 beschlagnahmtes Haus (Mitte) an der Marktstätte 1948 mit Erfolg zurück.Nach dem Krieg setzte die Restitution jüdischen Eigentums, als „Wiedergutmachung“ beschönigt, ein – mancherorts durchaus zögerlich. Die Aufarbeitung, so lückenhaft sie bleiben muss, offenbart „hinter den statistischen Zahlen … teils bedrückende menschliche Schicksale“. Da sind gesetzliche Fristen versäumt, Anerkennungsgründe versagt, da verfielen bereits gezahlte Geldleistungen in der Währungsreform von 1948.

Bild rechts: Der kurz vor Kriegsbeginn emigrierte Hemdenhersteller Iwan Leib, forderte sein 1940 beschlagnahmtes Haus (Mitte) an der Marktstätte 1948 mit Erfolg zurück. © Rosgartenmuseum Konstanz

Tobias Engelsing, Historiker, Journalist und seit 2007 Direktor der Städtischen Museen Konstanz, referiert nach sorgfältiger Recherche und nach wissenschaftlichen Standards aufgearbeitet in einzelnen chronologisch geordneten Kapiteln Geschichte und Schicksal der Juden am Bodensee und entwirft damit ein differenziertes Bild. Bedrückende Einzelzeugnisse und Belege verdeutlichen die Verstrickung der „deutschen“ (d.h. nichtjüdischen) Gesellschaft in den langen Prozess der Ausgrenzung, Vernichtung und gedanklichen Verdrängung desjenigen Teils ihrer Selbst, der als „jüdisch“ deklassiert worden war. Eingebettet sind ausführliche biografische Notizen über Mitbürger und Protagonisten jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens aus der Feder der anderen beteiligten Autoren Manfred Bosch, Lisa Foege und Birgit Lockheimer, was den Band tatsächlich zu einem unverzichtbaren Standardwerk über das jüdische Konstanz macht.

Das jüdische Konstanz : Blütezeit und Vernichtung; [erschienen anlässlich der Sonderausstellung zur Erinnerung an die vor 75 Jahren am 22. Oktober 1940 erfolgte Deportation der badischen Juden in das Internierungslager Gurs] / Tobias Engelsing. Mit Beitr. von Manfred Bosch, Lisa Foege und Birgit Lockheimer. [Hrsg.: Tobias Engelsing für das Rosgartenmuseum Konstanz]. - 1. Aufl.
Konstanz : Südverlag, 2015. 271 S. : zahlr. Ill. ; 24 cm. ISBN 978-3-87800-072-3

Bild: St. Peter im Schwarzwald
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