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2/2015

Wie ein Vulkanausbruch die Welt veränderte

1816 steht das Klima Kopf. Weltweit kommt es zu Missernten, Hungersnöten, Seuchen, Massenauswanderungen, zu politischen und sozialen Krisen. Der Historiker und Experte für die Kulturgeschichte des Klimas Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes hat erforscht, wie der Vulkanausbruch des Tambora 1815 den Lauf der Geschichte beeinflusst hat. Anhand der klimahistorischen Fakten interpretiert er die weltweiten historischen Ereignisse der Folgezeit neu, führt sie auf ihren Ursprung zurück und bringt Niedergang, aber auch Aufstieg von Kulturen mit der Klimakatastrophe in Verbindung. Ein Buch über seine Forschungen ist soeben erschienen: „Tambora und das Jahr ohne Sommer“.

Anfang April 1815 wird auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien der Kurs der Weltgeschichte jäh geändert: Der Vulkan Tambora bricht mit einer Gewalt aus, die heute mit der Sprengkraft von 170.000 Hiroshima-Bomben verglichen wird. Über Tage zieht sich der Ausbruch hin, bis der zuvor etwa 4.300 Meter hohe Berg sich am 10. April in einer Explosion apokalyptischen Ausmaßes fast halbiert. Die Katastrophe betraf nicht nur diesen Teil der Erde. „Rund um den Globus war der Ausbruch ein einschneidendes Ereignis, das die Welt in politische und soziale Krisen stürzte. Die folgenden Jahre waren ein weltweiter Stresstest“, sagt Professor Wolfgang Behringer.

Wie in einem Laborexperiment hat der Klimahistoriker die Weltgeschichte der Folgezeit auf ihre Verbindung zum Tambora-Ausbruch hin untersucht. „Der Ausbruch ist ein unkalkulierbarer, von vorherigen kulturellen oder sozialen Entwicklungen völlig unabhängiger Faktor, mit dem die Gesellschaft umgehen musste und vor dem wir heute genauso unvorbereitet stünden wie die Menschen damals – möglicherweise gar mit noch dramatischeren Folgen“, sagt Behringer.

Im Jahr 1815 selbst zeigen sich die Auswirkungen noch wenig. „Ende 1815 waren alle Kriege beendet, der russisch-türkische, der englisch-amerikanische ebenso wie auch die die napoleonischen. Noch in den Neujahrsansprachen des Jahreswechsels 1815/16 wurde euphorisch ein goldenes Zeitalter gefeiert, das jetzt kommen sollte“, erklärt Behringer. Was folgte waren extreme Klimaänderungen, deren Ursache damals niemand kannte. In Asien gab es sintflutartige Regenfälle mit gewaltigen Überschwemmungen. In Westeuropa und Nordamerika gab es keinen Sommer, mancherorts schneite es im Juli. Andernorts herrschte Dürre. Der Winter brachte extreme Kälte. „Es kam zu Missernten, zu Teuerung und zu Massenarbeitslosigkeit. In Indien trat erstmals die Cholera auf, die sich ab 1817 in rasender Geschwindigkeit weltweit ausbreitete“, sagt er. In Europa litten viele an der Mangelkrankheit Pellagra, die Tuberkulose grassierte.

Die Not führte zu einer Auswanderungswelle ungekannten Ausmaßes: Hunderttausende strömten nach Nordamerika. Aber auch hier gab es Missernten, auch hier war alles in Bewegung: hin zu neuem Land im Westen. „In jedem der Krisenjahre wird in den USA ein Bundesstaat gegründet und die Auseinandersetzungen mit Indianern nehmen zu.“ Zweites großes Ziel der Auswanderer war Russland. „Den Siedlern wurde dort Startkapital, kostenloses Siedlungsland, medizinische Versorgung, Glaubensfreiheit, Selbstverwaltung und Steuerfreiheit für 20 Jahre zugesichert“, so Behringer. Hier änderte sich das Klima zum Besseren, was Russland zum Getreidelieferanten Europas machte.

Wo das Klima sich zum Schlechteren änderte, verschärften sich Konflikte wie unter einem Brennglas. In Europa kam es zu Rebellionen aller Art, politischen Unruhen, Tumulten, Massendemonstrationen wie in England. „Eine Reihe von Attentaten wurde verübt, wie auf August von Kotzebue. Neu waren auch Selbstmordattentate. Es bildeten sich Untergrundstrukturen von Terrorzellen“, sagt Behringer. In der Hungerkrise wurden Schuldige gesucht. In Deutschland machte man die Juden verantwortlich, denen gerade von Napoleon Gleichstellungsrechte gegeben worden waren. „Es gab Pogrome, viele Synagogen brannten. Ein Antisemitismus neuer Prägung entsteht, der nicht Bekehrung zum Christentum, sondern Vernichtung zum Ziel hat“, erklärt er. In Südafrika wurden Hexen verfolgt.

China, das Jahrtausende in sich geruht hatte, wurde von Geheimgesellschaften unterwandert, zerfiel gesellschaftlich. „Auch Indien schaffte nicht, sich zu alter Größe zurückzuentwickeln“, sagt Behringer, der für seine Forschung Zeitschriften wie die Annalen der Physik, Kolonialzeitungen und zeitgenössische Dokumente auswertete. Demgegenüber steht der Aufstieg Europas, Russlands und der USA. In Nordamerika und Europa brachte der Leidensdruck Positives hervor. Durch Begradigung der Flüsse versuchte man, die Natur zu zähmen. Straßen wurden gebaut, die Verkehrsrevolution nahm ihren Anfang. Dadurch kamen große Beschäftigungsprojekte in Gang, Sozialreformen wurden umgesetzt, die Hilfe zur Selbsthilfe kam auf. Das große Sicherheitsbedürfnis führte zur Gründung der Sparkassen und Versicherungen, die es bald überall in Europa gab.

Zum Thema hat Wolfgang Behringer bei C.H. Beck das Buch „Tambora und das Jahr ohne Sommer: Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“ veröffentlicht. 398
Seiten. ISBN 978 - 3 - 406 - 67615 - 4

Claudia Ehrlich Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

Bild: St. Peter im Schwarzwald
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