Landesverein Badische Heimat e.V.

Badische Heimat - das Online-Magazin

3/2014
Rechnungen aus dem Mittelalter

Historiker dokumentieren Notizbuch der Kirchenbaumeister von St. Jacobi in Göttingen aus dem 15. Jahrhundert

Der Kirchturm von St. Jacobi prägt die Silhouette der Stadt Göttingen seit vielen Jahrhunderten. Seit 2009 wurde der Turm aufwändig restauriert. Zeitgleich zum Ende der Sanierung haben Wissenschaftler der Universität Göttingen nun ihre Arbeit an der Edition des Kopial- und Rechnungsbuchs zum Turmbau aus dem 15. Jahrhundert fertiggestellt. Die 120-seitige Edition enthält Rechnungen über den Bau des Turmes seit 1416 sowie alle mit diesem Vorhaben verbundenen Dokumente. Das Buch stellt eine einzigartige Quelle der norddeutschen Kirchen- und Architekturgeschichte dar. Gleichzeitig enthält es den ersten Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Göttingen.

Die Arbeit der Forscher vom Institut für Historische Landesforschung brachte überraschende Ergebnisse: So fanden sie beispielsweise den Arbeitsvertrag des Baumeisters Hans Rutenstein, der zuvor in Hildesheim und Duderstadt gearbeitet hatte. Sein Nachfolger Jakob war vermutlich der Meister Jakob von Göttingen, der auch am Turm von St. Andreas in Braunschweig tätig war. „Damit kann der in der Kunstgeschichte immer wieder vermutete Zusammenhang zwischen den Kirchtürmen in Göttingen, Hildesheim und Braunschweig als bewiesen angenommen werden“, sagt der Leiter des Instituts, Prof. Dr. Arnd Reitemeier.

Ging die Forschung bislang davon aus, dass ein Baumeister den Bau einer Kirche vollständig betreute, so zeigen die Rechnungen nun das Gegenteil. Die Baumeister und ihre Stellvertreter betreuten mehrere Baustellen gleichzeitig und waren eher selten in Göttingen. Zugleich dokumentierten die Kirchenmeister jede Ausgabe bis ins letzte Detail, weshalb heute die Rekonstruktion der einzelnen Bauphasen möglich ist. Der Bau eines Kirchturms war ein nicht nur technisches, sondern auch ökonomisches Großvorhaben. „Anders als viele heutige Projekte aber erwirtschaftete die Gemeinde mit dem Bau einen Gewinn, denn die Zinszahlungen für das aufgenommene Kapital lagen über den Ausgaben. Auf diese Weise konnten die Leistungen für unvorhergesehene Ausgaben beispielsweise in Folge von Zerstörungen gedeckt werden“, so Prof. Reitemeier.

Umschlag des Turmbuchs.
Umschlag des Turmbuchs

Der Edition ist ein ausführliches Vorwort vorangestellt, das die Einnahmen- und Ausgaben der Kirchenmeister erläutert und in den Kontext sowohl der Baugeschichte als auch der wirtschafts- und sozialhistorischen Forschung einordnet. Die Projektkosten in Höhe von rund 30.000 Euro wurden zur Hälfte von der VGH Stiftung getragen, die andere Hälfte übernahmen die an der Restaurierung des Turmes beteiligten Firmen (Institut für Konservierung und Restaurierung, Fachbüro für Denkmalpflege/Elektro Pröger GmbH, Nüthen Restaurierungen GmbH & Co. KG, Holzbau Walde und Gebr. Lechte HWP GmbH). Die Druckkosten des Werkes hat die Kirchengemeinde finanziert.

Originalveröffentlichung: Josef Dolle: Das Rechnungs- und Kopialbuch der Kirche St. Jacobi in Göttingen. Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 184 Seiten, ISBN 978-3-89534-989-8.

Thomas Richter Presse, Kommunikation und Marketing
Georg-August-Universität Göttingen

Bild: Surbourg, Dept. Bas-Rhin
Badische Heimat aktuell
 
Aktuelles aus dem Verein
Nachrichten aus dem Land - tagesaktuell veröffentlicht bei Landeskunde online
 
Badische Heimat aktiv
 

Landeskunde online
Badische Heimat aktuell
Das Online-Magazin
Dossiers
Denkmalschutzpreis
Straße der Industriekultur
Kulturerbe des Landes
Buchbesprechungen
Digitale Reprints
Texte
Forschungen und Darstellungen
Themen und Regionen
Bildwelten

 
Das Online-Magazin
 
Technik

Den kostenlosen Real-Player erhalten Sie bei www.real.com

wmv-Dateien spielen Sie mit dem in Windows enthaltenen Media-Player oder anderen Programmen ab.

 

   

Startseite | Kontakt | Impressum | © Badische Heimat 2014