Landesverein Badische Heimat e.V.

Badische Heimat - das Online-Magazin

3/2014
Es war einmal in Freiburg - Geschichten nach der Stunde null

Wir suchen: Verschollene Filme

Es ist eine Tragödie: In Freiburg wurden zwei großartige Filme gedreht - aber sie sind verschollen!

Sie wiederzufinden wäre nicht nur eine Sensation, sondern auch eine RIESEN Freude für etliche Freiburger und zudem ein Dokument von enormen historischem Wert.

Das Problem: Die Suche ist Zeit-, Reise- und somit kostenintensiv und lässt sich von Freiburg aus kaum erfogreich bewältigen. Seit Jahren wird von verschiedensten Seiten immer wieder nach diesen Filmen gefahndet, aber immer nur mit halber Kraft via Post, Mail und Internetsuche. Das trifft auch auf unsere eigene Recherche zu, mehr können wir einfach nicht leisten. Wir meinen: Da müsste sich mal jemand ein paar Wochen am Stück Zeit nehmen und optimalerweise vor Ort suchen.

Das Ergebnis unserer Recherche ist bis dato:
Keines der einschlägigen deutschen Archive scheint im Besitz der Filme zu sein. Dies haben wir schriftlich.
Aber wo könnten die Filme stecken und von welchen zwei Filmen reden wir eigentlich?
1. “Wohin die Züge fahren”
2. “Torgersen-Allgeier Film” für die Norweger Hilfe (kein Titel bekannt)


1. “Wohin die Züge fahren”
((Kinoplakat Wohin die Züge fahren.jpg))
((Wohin die Züge fahren Möller & Raddatz.jpg))
((Wohin die Züge fahren Frau kniet auf Trümmer.jpg))
Spielfilm, 98 Min, Produktion: Arbeitsgemeinschaft Film (A.G.F) GmbH Freiburg (1949)

1948 wurde dieser Spielfilm mit einem erstaunlichen Staraufgebot auf den Trümmern von Freiburg gedreht. Regie führte Boleslaw Barlog, Klaus von Rautenfels führte die Kamera und mit Heidemarie Hatheyer (Fanny), Carl Raddatz (Max) und Gunnar Möller (Gustav) spielte die Oberliga deutscher Schauspieler mit. An die Dreharbeiten, besonders den langwierigen Dreh im FFC-Stadion kann sich manch unserer Zeitzeugen erinnern, denn das Filmteam rekrutierte Freiburger Schüler als Komparsen. Übrigens: Die sog. “Offtakes” dieses Films sind auf geheimnisvolle Weise im Stadtarchiv Freiburg gelandet und wurden bereits in unserem Film “Bomben auf Freiburg” verwendet.

Finanziell entwickelte sich der gut gemachte Spielfilm aber zu einem grandiosen Flop - 1949 wollte im Märchenland Kino niemand mehr Trümmer sehen, die gab’s draussen zuhauf. Nachdem auch der direkte AGF-Nachfolgefilm “Nach Regen scheint Sonne” mit Gert Fröbe und Sonja Ziemann (der übrigens in Staufen und Freiburgs Umgebung gedreht wurde) floppte, musste die junge Freiburger Produktionsgesellschaft A.G.F GmbH - deren Hauptgesellschafter Alexander Krafft und Anton Weber ihren Firmensitz übrigens in der Herderner Lerchenstr. 3 hatten - Ende 1949 Konkurs anmelden. Mit dieser Pleite beginnt auch für den Film ein dramatischer Niedergang. Dramatisch deshalb, weil wir keinen Hinweis haben, dass dieser Film nach seiner TV-Premiere im Jahre 1955 nochmals irgendwo gezeigt wurde. Wer diesen Film also danach irgendwo gesehen hat, sollte sich unbedingt melden, denn das wäre eine neue Spur!

Die Fakten nach unserem Sachstand:
Da die A.G.F GmbH mit Sitz in Mainz und einer Produktionsniederlassung in der Lerchenstr. 3 / Fr-Herdern 1949 Konkurs anmelden musste, wurden die Verleih- und Verwertungsrechte 1949 an die aufstrebende “Prisma-Film GmbH” verkauft. Interessant dabei: Der Prisma Filmverleih ist ebenfalls wie die später enorm erfolgreichen “Rialto Film” und “Constantin Filmverleih” vom dänischen Film-Tycoon Preben Philipsen gegründet worden - zwischen den Firmen dürfte es vielfältige Beziehungen gegeben haben. Was nach 1949 mit der A.G.F Zweigstelle in Mainz passierte - wir wissen es nicht. Fakt scheint zu sein, dass Alexander Krafft nach der A.G.F-Pleite schon 1950 im Nachbargebäude Lerchenstr. 1 eine eigene Firma, nämlich die “E.A.A Krafft-Film GmbH” gründete. Diese beschäftigt sich bis in die 60er Jahre mit Im- und Export von Filmen, vor allem aber mit Synchronisation und Kurzfilm-Produktion. Ob Alexander Krafft eine Kopie seiner A.G.F-Filme einbehielt - und was überhaupt aus ihm geworden ist - wir wissen es noch nicht.

Tatsache ist, dass der Prisma-Filmverleih, der ja seit 1949 im Besitz der Verleihrechte war, 1961 ebenfalls seine Tätigkeit einstellt und dass die Filmrechte zu dieser Zeit irgendwie bei der ARD DEGETO landen. Die DEGETO wiederum verkauft die Rechte an die Kirch Gruppe. Wichtig: Der Rechteverkauf bedeutet nicht unbedingt, dass da auch eine Filmrolle verkauft, also “übergeben” wurde!
Die Kirch-Gruppe wiederum geht 2002 pleite. Der 2004 kontaktierte Kirch Archiv-Hausmeister winkte nach vergeblicher Suche ab: “Den ham wir nicht mehr auf Lager.” Auch die Kirch Media Nachfolgegesellschaften Kineos / Betafilm haben und hatten den Film scheinbar nie im Bestand. Auch der österreichische Rechteinhaber, die “Jupiter Film” hat den Film nicht im Archiv, auch die ARD Degeto winkt ab.

Schriftliche Absagen auch von folgenden Archiven:
Deutsche Kinemathek, DEFA, Deutsches Filminstitut (DIF), Bundesarchiv, Friedrich-Murnau Stiftung.

Wo könnte er sein?
Vielleicht im Nachlass des ehemaligen A.G.F Gesellschafters Alexander Krafft? Im Nachlass seines 1979 verstorbenen ehemaligen A.G.F-Kompagnons Anton Weber waren wohl nur Fotos zu finden.

Interessant könnte es auch sein, das Ende des “Prisma Fimverleihs” zu untersuchen, was mit deren Bestand passierte und wie die Rechte bei der ARD DEGETO landeten. Wurden da wieder nur Rechte oder auch wirklich Filmrollen übergeben? Oder landete der Film möglicherweise in den Archiven der Preben Philipsen Tochterunternehmen Rialto oder Constantin?

Die Französische Besatzung verlangte für jeden gedrehten Film ein Belegexemplar. Diese Kopie wurde in der IFU Remagen erstellt und vermutlich auch dort archiviert (Die IFU Remagen war in den 50ern das ‘Babelsberg’ der Französischen Besatzungszone). Nach jahrelangem Dornröschenschlaf wurde der IFU-Komplex um Schloss Calmuth 2008 vom Solar-World Chef Frank Asbeck gekauft und 2013 in weiten Teilen abgerissen. Die archivierten Filme im Filmlager waren aufgrund des undichten Dachs wohl größtenteils zerstört (unfassbar!). Ob welche gerettet wurden, ist uns nicht bekannt. Teile der Sammlung wurden 2013 scheinbar ins Deutsche Filminstitut in Frankfurt überführt. Da müsste man nun nachhaken.

Der Film wurde scheinbar 1955 in der ARD ausgestrahlt. Wurde dort eine Kopie angefertigt? Die ARD behauptet, nichts im Archiv zu haben. Aber vielleicht ist das Wühlen in alten Regalen auch zu mühsam...

Hilfreich könnte auch der Kontakt zu Gunnar Möller (Berlin-Pankow), dem Darsteller des jungen Gustav Dussmann sein.

((Wohin die Züge fahren Möller & Raddatz.jpg))

2. Torgersen-Allgeier Film für die Norweger Hilfe
((Torgersen+Kids+Carepakete.jpg))
Arne Torgersen, der US-Amerikaner mit norwegischen Wurzel war fraglos nicht nur eine der schillerndsten Figuren, sondern auch der fraglos charismatischste Retter inmitten der Freiburger Nachkriegsnot. Nachdem er während des Krieges Anti-Deutsche Propaganda bei der “Voice auf America” in London produziert hatte, kam der ehemalige Butler diverser Hollywood-Schauspieler und Besitzer einer New Yorker Tanzschule 1946 durch eine Laune des Schicksals nach Freiburg, um von Freiburg aus die Verteilung amerikanischer CARE-Pakete zu organisieren. Mit Charme und enormen Organisationstalent überwand er nicht nur etliche Hürden auch der französischen Besatzungs-Bürokratie, auch sein Bild von den Deutschen wandelte sich im Angesicht der Freiburger Not fundamental. Dies ging soweit, dass er sich nach seinem Bruch mit der CARE-Organisation 1947 entschloss, auf eigene Faust Hilfe in seiner norwegischen Heimat aufzutreiben. Aber 1947 war das eine fast unlösbare Aufgabe, denn wer wollte dem Naziland nach soviel verursachtem Leid noch helfen? Um die Norwegische Kirche von der dramatischen Situation in Freiburg zu überzeugen, entschloss sich Arne Torgersen einen Film zu drehen. Für die Kamera verpflichtete er den Freiburger Sepp Allgeier, der als Chef-Kameramann von Leni Riefenstahl in der Nachkriegszeit vorerst nicht mehr engagiert wurde und somit arbeitslos herumhing.

Aber diese, rund 15-minütige Dokumentation von Arne Torgersen und Sepp Allgeier muss so aufwühlend gewirkt haben, dass die Meinung etlicher Norweger sich spontan von Ablehnung zu nachdenklicher Anteilnahme umkehrte. An die Einstiegssequenz des Filmes kann sich der Sohn von Arne Torgersen gut erinnern: So erscheint im Vorspann der Titel: Kamera: “Sepp Allgeier”.
Dann sieht man eine Gruppe Schüler, die auf ihrem morgendlichen Schulweg teilweise barfuss über eine Trümmerwüste klettern.

Tatsächlich wurde die “Norwegerhilfe” vor allem in den Jahren ‘47 und ‘48 dank großzügiger Fisch-, Lebertran und Kartoffelspenden nicht nur in Freiburg zu einem der wichtigsten Überlebensstützen etlicher Menschen.

Wo ist dieser Film geblieben?

Laut Informationen des in Wien lebenden Sohnes von Arne Torgersen wurde der Film letztmalig auf der 80-jährigen Geburtstagsfeier von Arne Torgersen im Jahre 1990 vorgeführt.
Diese Kopie ging allerdings Jahre später beim Fotodienstleister “Orator” in der Wiener Neubaugasse nach deren Konkurs verloren, weil die Räumlichkeiten entrümpelt wurden. Schwierig ist auch die Recherche beim “Norwegian Refugee Council”, der Nachfolgeorganisation der “Europäischen Norwegerhilfe”. Deren Osloer Büro ist mehrfach umgezogen, auch in diesem Zuge wurde vieles entrümpelt und unter den meist jungen Mitarbeitern hat derzeit niemand Überblick über den eigenen Archivbestand.
Wir haben momentan keinerlei Informationen, wieviele Kopien von diesem Film gemacht wurden und ob noch irgendwo ein Exemplar existiert.

Wo könnte der Film sein?
Möglicherweise hatte der Freiburger Kameramann Sepp Allgeier eine Kopie, immerhin war es sein erster Film nach dem Krieg. Im Allgeier Nachlass ist aber bis dato kein entsprechender Film bekannt und Allgeiers Frau Bertl scheint nach Allgeiers Tod 1968 im Garten des Ebneter Hauses ein munteres Feuer aus Fotos und Filmen gemacht zu haben…
Sohn Arne Torgersen regte 2014 an, bei der “Kirchlichen Nothilfe” (Kirkens Nødhjelp) in Norwegen zu recherchieren, da diese seinerzeit Arne Torgersens Spendensuche in Norwegen zentral unterstützt und vielleicht sogar den Film finanziert hat. Daher könnte auch dort eine Kopie archiviert sein.


Bild: Surbourg, Dept. Bas-Rhin
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