Aus
der Ablage gekramt
Der Heimatbegriff
im 21. Jahrhundert
II. Heimat und Jugend.
Aus der Einleitung zur Darstellung
des Projekts "Landeskunde am Oberrhein" (heute "kulturer.be")
in der Zeitschrft "Badische Heimat", 78 (1998), S. 406
- 439 Der Heimatbegriff wird in der
Schule vor allem in der 4. Grundschulklasse im „Heimat-
und Sachunterricht" thematisiert, begegnet dann in
der 5. Klasse im Fach Erdkunde noch einmal als „Orientierung
im Lebensraum" und versinkt dann angesichts einer
Vielzahl von Lehrplanvorgaben im Unverbindlich- Undifferenzierten.
Selbstverständlich werden in Lesebüchern vieler
Klassenstufen Texte und Materialien zum Thema „Heimat" geboten,
zum Thema Heimat als Lebenswelt, als persönlich erlebte
Umwelt, in der keine „heile Welt" herrscht,
sondern die eine Welt voller Gefahrdungen und Herausforderungen
ist.
Heimat ist aber für die junge Generation negativ
besetzt, denn es nimmt sich eine Konsumwelt des Heimatbegriffes
an, die die Jugend nicht als ihre Welt begreifen kann.
Heimat verbindet sich in zahllosen Fernsehsendungen mit
oberbayerisch kolorierter Volksmusik, mit Hitparade der
Volksmusik und Peter Steiners Theaterstadel (1).
Oder wie es der Tübinger Kulturwissenschaftler Gottfried
Korff 1980 deutlich und sarkastisch formuliert: „ Ritual
erstarrtes Gehüpfe, Gesinge und Gejodel mit Trachtenwams
und Seppelhose" (2). Jugend ist dagegen
Leben, Modernität,
Aktualität, Fortschritt. Jugend ist auch Ablehnung
von Vorstellungen und Verhaltensweisen der älteren
Generation - und oft nur aus Oppositionshaltung heraus.
Damit hängt sicher zusammen, dass der überkommene „Heimat-Begriff,
der sich aus der rückwärtsgewandten Vermarktung
traditioneller Verhaltens- und Lebensmuster ergibt (3),
gleichzusetzen ist mit Verdrängung der eigenen politischen
Vergangenheit. Damit aber ist eine verhängnisvolle
Verknüpfung
entstanden, die eine produktive und kritische Auseinandersetzung
mit dem Heimatbegriff lange Zeit verhindert hat.
Ansätze gibt es zuhauf, die Heimat kritischer und
distanzierter, sachlicher und auch liebevoller zu sehen.
Vom Tag der Landesgeschichte in der Schule, der alljährlich
im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg stattfindet, über
Unterrichtswerke wie die Heimat- und Landeskunde „Baden-Württemberg" bis
hin zu Projekten an Schulämtern, Ausbildungsseminaren
und Schulen, die den engeren Lebensraum und seine vielfältige
Verflochtenheit zum Thema haben. Heimat muss also durchaus
nichts Verstaubtes, Rückwärtsgewandtes an sich
haben.
Untersuchungen haben ergeben, dass ein emotionaler Bezug
zu einem als „Heimat" angesprochenen Lebensraum
und damit eine Identifikation mit der Heimat nicht vor
dem 30. Lebensjahr eintritt. Das heißt, dass Jugendliche
und junge Erwachsene andere Sorgen und andere Vorlieben
haben als sich mit den Besonderheiten ihrer Heimat auseinanderzusetzen
(4).
(1) Aber von den
penetranten Schunkelrhythmen, die bei deutschen Ensembles
oft das Publikum ueberrollen,
war hier nichts zu spueren, und das sentimentale „La
ville quej ai tant aimee" kam bei aller Heimatliebe
ohne triefenden Kitsch aus. Bericht der Stuttgarter Zeitung über
ein Konzert von Tri Yann, 16.3.1995 (^nach
oben)
(2) Konrad Plieninger: „...überströmenden
Herzens von der Heimat künden". „Heimat" -
schillerndes Leitbild im Wandel von Schule und Gesellschaft.
In: GWU 46, 1995, S. 697-715 (^nach oben)
(3) Als "anständiges Volk" unter
der Nazi-Diktatur nur seine "Pflicht getan" zu
haben: die Lebenslüge
der Zweiten Republik hat die kulturelle Entwicklung Österreichs
bis 1989 dialektisch bestimmt. Die neue, aus Heimatliebe
und ihrer Vermarktung im Tourismus,
aus Technikeuphorie und Fortschrittsgläubigkeit
bestehende Österreich-Mythologie
fand ihren Ausdruck in der kulturellen
Stickluft der fünfziger Jahre....
- Andreas Breitenstein über das österreichische Selbstverständnis.
NZZ 30.5.1996 (^nach oben)
(4) „Enttäuschend ist bis jetzt
die Resonanz bei den 20 bis 40 jährigen." Mitteilung
des Stadtmuseums Baldreit, Baden-Baden
(Dieter Baeuerle), über die Resonanz der Ausstellung „Der
Freiheit eine Gasse! - Baden-Baden in
der Revolution 1848/49" (^nach oben)
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