Sommer
waren im Mittelalter feuchter als heute
Wissenschaftler analysieren Sommertrockenheit vom hohen
Mittelalter bis in die Gegenwart anhand der Jahrringe von
Eichenhölzern
Der "Schwarze Tod",
eine schwere Pestepidemie, hat im 14. Jahrhundert in Europa
ein Drittel der Bevölkerung dahingerafft. Dass es zu
einer solchen Katastrophe kommen konnte, lag wahrscheinlich
auch an den damaligen klimatischen Bedingungen. "Das
späte Mittelalter war in klimatischer Hinsicht einzigartig",
erklärt Dr. Ulf Büntgen von der Eidgenössischen
Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL)
im schweizerischen Birmensdorf. "Vor allem gab es ausgeprägte
Phasen, in denen die Sommer feuchter waren als heute." Was
sich klimatisch damals genau abgespielt hat, können
Wissenschaftler heute anhand von Jahrringen historischer
Eichenhölzer rekonstruieren. "Die Jahrringe liefern
uns präzise Anzeichen über die Sommertrockenheit
für jedes einzelne Jahr bis ins hohe Mittelalter zurück",
ergänzt Prof. Dr. Jan Esper von der Johannes Gutenberg-Universität
Mainz. Büntgen und Esper ist es zusammen mit Kollegen
der Universitäten in Bonn, Gießen und Göttingen
zum ersten Mal gelungen, anhand von Baumringen die Sommertrockenheit
während der letzten 1000 Jahre für weite Teile
Deutschlands zu rekonstruieren. Ihre Ergebnisse haben sie
in der renommierten Fachzeitschrift Quaternary Science Reviews
publiziert.
Der Firstbalken aus einem alten Fachwerkhaus in Kassel beispielsweise
muss im Jahr 1439 gefällt worden sein - dies ergab die
Altersbestimmung mit Hilfe der Dendrochronologie. Dabei wird
das Muster der Jahrringe mit bereits datierten Hölzern
verglichen. "So können wir für jeden Balken
auf das Jahr genau feststellen, wie alt er ist", beschreibt
Büntgen das Vorgehen. Auch Klimainformationen, ob vergangene
Sommer in Kassel feucht oder trocken waren, sind in dem Firstbalken
enthalten. "Wenn es in einem Sommer eher feucht war,
zeigen die Bäume ein generell gutes Wachstum und breitere
Jahrringe", so Esper. Aber für eine verlässliche
Aussage, wie das Klima 1439 in Kassel tatsächlich gewesen
ist, reicht ein Balken alleine nicht aus. Dazu ist eine Vielzahl
von Holzproben nötig.
Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 953 unterschiedliche
Eichenhölzer untersucht, teils von lebenden Bäumen
für die jüngere Vergangenheit, teils von altem
Bauholz aus Fachwerkhäusern, Schlössern und Kirchen
für die letzten rund 1000 Jahre. Alle Proben stammen
von Nordhessen und Südniedersachsen, die lebenden Hölzer
aus der Region Nationalpark Kellerwald-Edersee. "Die
Eichen reagieren hier besonders sensitiv auf Klimaveränderungen",
erklärt Büntgen die Standortauswahl. Die älteste
Holzprobe, welche in der vorliegenden Studie berücksichtigt
wurde, datiert bis ins Jahr 996 n. Chr. zurück, eine
Zeit, als sich gerade das Heilige Römische Reich deutscher
Nation auszubilden begann. 135.000 einzelne Jahrringbreiten-Messungen
ergeben ein detailliertes Bild der deutschen Niederschlagsgeschichte
und spiegeln wichtige Etappen vom Mittelalterlichen Klimaoptimum
(feucht-warm) über die Kleine Eiszeit (trocken-kalt)
bis zur Industriellen Erwärmung (trocken-warm) wider.
Sommerniederschlag
zwischen 1350 und 1370 erhöht

Zwei markante Feuchtperioden im 13. und 14. Jahrhundert
kennzeichnen das späte Mittelalter in Zentraleuropa,
unterbrochen von trockenem Sommerwetter zwischen etwa 1300
und 1340. "Auffallend ist der erhöhte Sommerniederschlag
zwischen 1350 und 1370, also genau zu der Zeit, als die Pest
ausgebrochen ist und sich über den ganzen europäischen
Kontinent verbreitet hat", konstatiert Büntgen.
Es folgt eine generell trockenere Phase vom späten 15.
Jahrhundert bis ins frühe 18. Jahrhundert. Feuchte Sommer
sind nochmals zu Beginn und Ende des 18. Jahrhunderts nachgewiesen
und werden dann von einem tendenziell trockeneren Klima während
der letzten 200 Jahre abgelöst.
"Wir denken, dass unsere Ergebnisse auch für die
Geschichtswissenschaft hilfreich sind, wenn es darum geht,
Trockenheit mit Hungersnöten und vielleicht sogar Völkerwanderungen
in Verbindung zu bringen", sind sich die Klimaforscher
Büntgen und Esper einig. Die Wissenschaftler hoffen,
dass interdisziplinäre Forschungsprojekte zwischen Natur-
und Sozialwissenschaften künftig weitere Erkenntnisse über
den Zusammenhang von klimatischen und gesellschaftlichen
Prozessen liefern. Sie selbst werden der mittelalterlichen
Pestepidemie, dem Schwarzen Tod, in weiteren Untersuchungen
nachgehen.
Petra Giegerich,
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
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