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2/2010

Sommer waren im Mittelalter feuchter als heute

Wissenschaftler analysieren Sommertrockenheit vom hohen Mittelalter bis in die Gegenwart anhand der Jahrringe von Eichenhölzern

Der "Schwarze Tod", eine schwere Pestepidemie, hat im 14. Jahrhundert in Europa ein Drittel der Bevölkerung dahingerafft. Dass es zu einer solchen Katastrophe kommen konnte, lag wahrscheinlich auch an den damaligen klimatischen Bedingungen. "Das späte Mittelalter war in klimatischer Hinsicht einzigartig", erklärt Dr. Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im schweizerischen Birmensdorf. "Vor allem gab es ausgeprägte Phasen, in denen die Sommer feuchter waren als heute." Was sich klimatisch damals genau abgespielt hat, können Wissenschaftler heute anhand von Jahrringen historischer Eichenhölzer rekonstruieren. "Die Jahrringe liefern uns präzise Anzeichen über die Sommertrockenheit für jedes einzelne Jahr bis ins hohe Mittelalter zurück", ergänzt Prof. Dr. Jan Esper von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Büntgen und Esper ist es zusammen mit Kollegen der Universitäten in Bonn, Gießen und Göttingen zum ersten Mal gelungen, anhand von Baumringen die Sommertrockenheit während der letzten 1000 Jahre für weite Teile Deutschlands zu rekonstruieren. Ihre Ergebnisse haben sie in der renommierten Fachzeitschrift Quaternary Science Reviews publiziert.

Der Firstbalken aus einem alten Fachwerkhaus in Kassel beispielsweise muss im Jahr 1439 gefällt worden sein - dies ergab die Altersbestimmung mit Hilfe der Dendrochronologie. Dabei wird das Muster der Jahrringe mit bereits datierten Hölzern verglichen. "So können wir für jeden Balken auf das Jahr genau feststellen, wie alt er ist", beschreibt Büntgen das Vorgehen. Auch Klimainformationen, ob vergangene Sommer in Kassel feucht oder trocken waren, sind in dem Firstbalken enthalten. "Wenn es in einem Sommer eher feucht war, zeigen die Bäume ein generell gutes Wachstum und breitere Jahrringe", so Esper. Aber für eine verlässliche Aussage, wie das Klima 1439 in Kassel tatsächlich gewesen ist, reicht ein Balken alleine nicht aus. Dazu ist eine Vielzahl von Holzproben nötig.

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 953 unterschiedliche Eichenhölzer untersucht, teils von lebenden Bäumen für die jüngere Vergangenheit, teils von altem Bauholz aus Fachwerkhäusern, Schlössern und Kirchen für die letzten rund 1000 Jahre. Alle Proben stammen von Nordhessen und Südniedersachsen, die lebenden Hölzer aus der Region Nationalpark Kellerwald-Edersee. "Die Eichen reagieren hier besonders sensitiv auf Klimaveränderungen", erklärt Büntgen die Standortauswahl. Die älteste Holzprobe, welche in der vorliegenden Studie berücksichtigt wurde, datiert bis ins Jahr 996 n. Chr. zurück, eine Zeit, als sich gerade das Heilige Römische Reich deutscher Nation auszubilden begann. 135.000 einzelne Jahrringbreiten-Messungen ergeben ein detailliertes Bild der deutschen Niederschlagsgeschichte und spiegeln wichtige Etappen vom Mittelalterlichen Klimaoptimum (feucht-warm) über die Kleine Eiszeit (trocken-kalt) bis zur Industriellen Erwärmung (trocken-warm) wider.

Sommerniederschlag zwischen 1350 und 1370 erhöht

Zwei markante Feuchtperioden im 13. und 14. Jahrhundert kennzeichnen das späte Mittelalter in Zentraleuropa, unterbrochen von trockenem Sommerwetter zwischen etwa 1300 und 1340. "Auffallend ist der erhöhte Sommerniederschlag zwischen 1350 und 1370, also genau zu der Zeit, als die Pest ausgebrochen ist und sich über den ganzen europäischen Kontinent verbreitet hat", konstatiert Büntgen. Es folgt eine generell trockenere Phase vom späten 15. Jahrhundert bis ins frühe 18. Jahrhundert. Feuchte Sommer sind nochmals zu Beginn und Ende des 18. Jahrhunderts nachgewiesen und werden dann von einem tendenziell trockeneren Klima während der letzten 200 Jahre abgelöst.

"Wir denken, dass unsere Ergebnisse auch für die Geschichtswissenschaft hilfreich sind, wenn es darum geht, Trockenheit mit Hungersnöten und vielleicht sogar Völkerwanderungen in Verbindung zu bringen", sind sich die Klimaforscher Büntgen und Esper einig. Die Wissenschaftler hoffen, dass interdisziplinäre Forschungsprojekte zwischen Natur- und Sozialwissenschaften künftig weitere Erkenntnisse über den Zusammenhang von klimatischen und gesellschaftlichen Prozessen liefern. Sie selbst werden der mittelalterlichen Pestepidemie, dem Schwarzen Tod, in weiteren Untersuchungen nachgehen.

Petra Giegerich, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Bild: Schwetzingen, Zirkelbau
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