Kompetenz
entfalten statt Fakten pauken - neue Wege für die Schule
im Wald
In Deutschland gibt es drei Leiterinnen eines Forstamtes
- doch allein in Nordrhein-Westfalen gibt es bereits 16 Forstämter,
in Sachsen sind es zwölf und 47 in Bayern. Auffällig.
Oder? "Neutralisierung", sagt Dr. Christine Katz, "ist
eine gängige Strategie." Da ist der Forst keine
Ausnahme. Ebensowenig wie Polizei und Militär, Autoindustrie
und Maschinenbau. Wenn auch unterschwellig, so werden Frauen
doch nach wie vor Eigenschaften wie "intuitiv", "willig" und "empathisch" zugeschrieben;
während "durchsetzungsfähig", "führungsstark" und "konkurrenzaffin" nicht
auf der Liste stehen.
Und steigen Frauen in Männerdomänen ein, tragen
sie nicht zuletzt selbst zu dieser Neutralisierung bei: Was
zählt ist "das Können", weibliche Attribute
in Kleidung und Auftreten verändern sich ins Business-Schwarz.
Auf diese Art bleibt der soziale Unterschied zwischen den
Geschlechtern ohne Frage. Noch immer.

Wie kaum ein anderer Beruf ist der des "Försters" männlich
geprägt. Das war in der Vergangenheit so - und es hat
sich bis heute kaum geändert. Foto:
Verbund "Waldwissen"
Das sind die Strukturen, in denen die Forschergruppe "Waldwissen" die
Frage stellte: Welche Bedeutung kommt "Natur" aus
jeweils geschlechtsspezifischer Perspektive zu? Als eines
von 25 Forschungsvorhaben im BMBF-Förderschwerpunkt "Nachhaltige
Waldwirtschaft" kam dem Projekt eine gewisse Alleinstellung
zu. Nicht nur, dass "Waldwissen" zu den originär
sozialwissenschaftlich ausgerichteten Vorhaben gehörte;
der Verbund nahm sich mit der Frage nach dem Zusammenhang
zwischen Wald und Gender auch eines Themas an, dessen gesellschaftliche
Hochzeit eher in den 1990er Jahren liegt. Doch die Zahlen,
und nicht allein diese, sprechen nach wie vor für
sich.
Entscheiden sich junge Menschen für ein Studium der
Forstwissenschaften, begründen dies die meisten mit
der Auskunft: "Ich war schon immer viel mit Natur unterwegs." Hinzu
kommt häufig noch der Einfluss einer wichtigen Bezugsperson
und/oder der familiären Berufstreue. Dabei wird der
Bezug auf die Natur als etwas Selbstverständliches erlebt
und beschrieben, der keiner weiteren Erklärung bedarf.
Weder wird die Werthaltung gegenüber der Natur, die
aus der Familie erwächst, wahrgenommen noch das Wissen über
die Natur, das während des Studiums vermittelt wird,
hinterfragt. "Erst in unseren Interviews zeigte sich,
dass es dann doch Unterschiede zwischen jungen Männern
und Frauen gibt", führt Dr. Christine Katz aus.
Sie leitet den Verbund "Waldwissen", an dem auch
die Universität Freiburg beteiligt ist, von der Leuphana
Universität Lüneburg aus. Während die befragten
Männer sich tendenziell eher absolut auf die Natur beziehen,
diese als "Referenzwert, als Lebensstichwort schlechthin" begreifen,
ist für Frauen das Verhältnis zur Natur eher relativ
- pragmatisch befinden sie, dass eine Tätigkeit im Wald
besser sei als im Büro zu sitzen. Wechseln die Absolvent/innen
dann in den Forst und die Forstverwaltung, nehmen sie diese
Haltung des Selbstverständlichen mit. Auch in jenen
Bereich, in dem die nächste Generation ihre (ersten)
Erfahrungen mit Umwelt, Natur, Wald macht - in die Umweltbildung
und Waldpädagogik.
Angesichts des unreflektierten Tradierens ist es kaum
verwunderlich, dass sich in Umweltbildung und Waldpädagogik die gängigen
Stereotype wiederfinden: Wenn im Forstcamp Holz fürs
Hüttenbauen gesucht werden soll, werden die Jungs losgeschickt
und das Laub zum Polstern des Bodens holen die Mädchen.
Zwar gibt es durchaus Waldpädagoginnen und Umweltbildner,
die diese Schemata mit einer individualisierten Pädagogik
jenseits von Herkunft, Bildung und Geschlecht zu begegnen
versuchen, die sich als Träger eines wertneutralen Wissens
um Wald und Natur und damit als wertneutrale Akteure verstehen.
Doch aus der Bildungsforschung ist hinlänglich bekannt,
dass Jungen und Mädchen unterschiedlich an eine Aufgabe
herangehen - während die einen nach dem Motto "trial
and error" umgehend auf ein Ziel losgehen, gruppieren
sich die anderen, stimmen sich miteinander ab und machen
sich dann ans Werk. Und während Mädchen in ihrer
Arbeitsweise eher selbstsanktionierend vorgehen, sind Jungen
vorrangig auf Wettbewerb orientiert. "Um das zu sehen
und im Folgenden in die waldpädagogische Arbeit einzubeziehen,
braucht es eine andere, eine fundierte Ausbildung",
erläutert Biologin Katz.

Im Schulwaldprojekt Lychen ist es für die Förster
wichtig, den Wald in Beziehung von Wirtschaft und Naturschutz
zu zeigen. Dabei wird auch der Umgang mit Bestimmungsbüchern
und Fachbegriffen gelernt und das Lesen gefördert. Zudem
sind die Gespräche zwischen Schüler und Förster
sowie viel Bewegung und das Wahrnehmen mit allen Sinnen von
Bedeutung. So gehen Kompetenzentwicklung und Wissensvermittlung
hier bereits Hand in Hand. Foto: Verbund "Waldwissen"
Schaut man in die Realität der forstlichen Umweltbildung,
resp. waldbezogenen Pädagogik, so zeigt sich, dass wenige
Jahre nach den Forstreformen in den Bundesländern die
betreffenden Stellen häufig mit Teilzeit und geringer
Bezahlung verbunden sind und nicht selten als "Ablade" für
einstige Förster und Revierleiter genutzt wurden. Auch
wenn es danach klingt, der Anteil der Frauen ist trotzdem "gar
nicht so hoch" wie erwartet. Die vielen Stellen in freier
Mitarbeit sind allerdings nahezu ausschließlich von
Frauen besetzt. Es sind die Strukturen auch innerhalb der
Forstverwaltung, die geradezu einladen, eine typische Frauendomäne
zu begründen.
Doch hier könnte sich ein aktueller Paradigmenwechsel
- im positiven Sinne - als Hemmschuh erweisen. In der Umwelt-
und damit in der Waldpädagogik wird derzeit um die Hinwendung
zur "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE)
gerungen. Künftig sollen Kompetenzen in der Gestaltung
von Lebensbereichen statt Fakten und Informationen vermittelt
werden. Statt ums Bestimmen von Laubbäumen anhand ihrer
Blätter geht es darum, sich bspw. über den Erhalt
(der gleichermaßen ein Wandel sein muss) des Waldes
angesichts von Klimawandel und Industrieimmissionen den Kopf
zu zerbrechen. Es geht also um Haltungen, Meinungen, Werte
- und diesen Raum zur Ausprägung und Entfaltung zu geben,
dafür bedarf es einer hochwertigen pädagogischen
Ausbildung. "Wird Bildung für nachhaltige Entwicklung
ernst genommen, dann bedeutet das, die Akteure vor allem
in Methodik und bezogen auf ein Bildungsverständnis
zu qualifizieren, das am Subjekt ansetzt", verdeutlicht
Dr. Christine Katz die Konsequenzen. Und das schließt
die Sensibilisierung u. a. für die Thematik Gender ein. "Wobei
die Sensibilisierung an der eigenen Person ansetzt."
Es wird ein langer Weg sein, um Kompetenzen zu entwickeln
statt allein Wissen zu vermitteln, vermutet Dr. Katz.
Um den zu gehen, braucht es eines klaren Signals aus
den Forstverwaltungen,
einer politischen Entscheidung für Wald als geradezu
klassisches Themenfeld der BNE und einer gesellschaftlichen
Verankerung in Schulen und Bildungseinrichtungen. Der Forschungsverbund "Waldwissen und Naturerfahrungen
auf dem Prüfstand" gehört als eines von 25
Verbundprojekten zum Förderschwerpunkt "Nachhaltige
Waldwirtschaft" des Bundesministeriums für Bildung
und Forschung (BMBF). Das BMBF finanziert den Förderschwerpunkt
im Zeitraum 2004 bis 2010 mit rund 30 Millionen Euro. Am
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ ist die
Wissenschaftliche Begleitung und Koordinierung des Förderschwerpunktes
angesiedelt. Aufgabe der Wissenschaftlichen Begleitung ist
es, auf nationaler und europäischer Ebene ein Netzwerk
für Wissenschaft und Praxis zu schaffen und zu koordinieren;
von hier aus wird auch die Öffentlichkeitsarbeit für
den Förderschwerpunkt gesteuert. In seiner Gesamtheit
befasst sich der Förderschwerpunkt vor allem mit drei
Fragestellungen: Wie kann die Wertschöpfungskette Forst-Holz
sowohl gewinnorientiert als auch ökologisch verträglich
und sozial gerecht optimiert werden? Wie können Waldlandschaften
so genutzt werden, dass die Lebensqualität der Menschen
verbessert wird und gleichzeitig die Ressourcen langfristig
gewährleistet sind? Wie sieht der Wald der Zukunft aus?
Daniela Weber,
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ |