Bedeutung
Naturkundlicher Forschungssammlungen für den Schutz
der biologischen Vielfalt
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat das Jahr
2010 zum "Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt" erklärt.
Damit soll die Bedeutung der biologischen Vielfalt sowie
die Folgen ihres Verlustes stärker in das politische
und öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Zudem
soll das Jahr genutzt werden, um zu bilanzieren, ob das weltweite Artensterben
in den vergangenen Jahren aufgehalten oder zumindest verlangsamt
werden konnte, wie das seit der ersten weltweiten Artenschutzkonferenz
in Rio (1992) gefordert und angestrebt wird.

Das Staatliche Museum für Naturkunde in Karlsruhe
Naturkundliche Forschungsmuseen wie die im Konsortium "Deutsche
Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen" (DNFS)
zusammengeschlossenen Einrichtungen spielen bei einer solchen
Bilanzierung und beim Schutz der biologischen Vielfalt eine
entscheidende Rolle. Denn auch über 250 Jahre nachdem
der schwedische Biologe Carl von Linné das große
Projekt der globalen Bestandsaufnahme der Pflanzen- und Tierarten
der Erde begonnnen hat, ist die grundlegende Frage danach,
mit wie vielen und welchen Mitgeschöpfen wir unseren
blauen Planeten teilen, noch nicht einmal annähernd
gelöst.
Zwar sind inzwischen etwa zwei Millionen verschiedene Arten
von Lebewesen beschrieben, aber die tatsächliche Artenzahl
ist selbst in ihrer Größenordnung weiterhin unbekannt.
Untersuchungen in den Baumkronen der tropischen Regenwälder,
in Korallenriffen oder in der Tiefsee, wo in den letzten
Jahren eine verblüffenden Anzahl vorher unbekannter Arten entdeckt
wurde, haben die Schätzungen auf 3,5 bis über 100
Millionen Arten hochschnellen lassen, als wahrscheinlich
gelten etwa 10-20 Millionen. Das heißt, dass bislang
wahrscheinlich nur etwa 10 bis 20 Prozent aller Arten wissenschaftlich
beschrieben und benannt werden konnte. Eine wissenschaftliche
Beschreibung ist aber Grundvoraussetzung, um überhaupt
feststellen zu können, dass eine Art durch Umweltzerstörung,
Klimaänderungen oder andere Faktoren in ihrem Bestand
zurückgeht oder vom Aussterben bedroht ist. Der nur
scheinbar banal anmutende Satz "Nur was wir kennen,
können wir schätzen und schützen" bringt
dies auf den Punkt.
Hier kommt den Naturkundemuseen eine besondere Bedeutung
und Verantwortung zu. Ihre biologischen Sammlungen - allein
in Deutschland über 100 Millionen Objekte - sind Archive
des Lebens und die Grundlage aller Biodiversitätsforschung.
Die Beschreibung unbekannter Arten und ihre Einordnung in
ein System, das die Evolution der Lebewesen widerspiegelt,
gehören zu den zentralen Forschungsaufgaben der Museen
und geben ihnen damit eine Alleinstellung in der Wissenschaftslandschaft.
Von besonderer Bedeutung sind die umfangreichen historisch
gewachsenen Sammlungen, denn nur der direkte Vergleich liefert
den Beleg dafür, dass eine Tier- oder Pflanzenart tatsächlich "neu" ist
und worin sie sich von anderen unterscheidet.
Naturkundemuseen sind darüber hinaus Kompetenzzentren
der Biosystematik, einer wissenschaftlichen Grundlagendisziplin,
die an deutschen Universitäten sowohl in Forschung als
auch Lehre kaum noch eine Rolle spielt. Den Naturkundlichen
Forschungssammlungen kommt deshalb besondere Bedeutung und
Verantwortung zu, die sich auch daran festmachen lässt,
dass Wissenschaftler aus diesen Einrichtungen eine großen
Teil der systematisch orientierten Lehrveranstaltungen an
den Universitäten anbieten.
Naturkundliche Forschungssammlungen sind aber auch Orte
aktiver und moderner wissenschaftlicher Forschung. Zunehmend
wird dabei auf Methoden der molekularen Genetik, elaborierte
statistische Verfahren sowie Ergebnisse der Ultrastrukturforschung
und modernste 3D-Rekonstruktionen zurückgegriffen. Zugleich
haben schnelle Datenbanksysteme und Vernetzung gänzlich
neue Möglichkeiten des Informationsaustauschs und der
gemeinsamen Ressourcennutzung eröffnet. Viele Museen
haben deshalb in den letzten Jahren massiv in entsprechende
Infrastruktur investiert; der Prozess einer globalen virtuellen
Gesamtsammlung nimmt bereits konkrete Gestalt an.
Neben diesem im Bereich der Wissenschaft angesiedelten Aufgabenspektrum,
tragen Naturkundliche Forschungseinrichtungen an zwei weiteren
entscheidenden Stellen zum Schutz der biologischen Vielfalt
bei. Zum einen sind Fachleute naturkundlicher Museen weltweit
an unzähligen Projekten im Bereich des angewandten Naturschutzes
beteiligt. Mit ihrer wissenschaftlichen Expertise tragen
sie unter anderem dazu bei, Areale für Naturschutzgebiete sinnvoll auszuwählen,
Schutzkonzepte zu entwickeln und den illegalen Handel mit
bedrohten Arten zu bekämpfen.
Zum anderen besteht eine der Hauptaufgaben naturkundlicher
Museen darin, das Thema biologische Vielfalt und deren Gefährdung
breiten Bevölkerungsschichten zu vermitteln und sie
dafür zu sensibilisieren. Hierfür bieten Naturkundemuseen
nicht zuletzt deshalb eine ideale Plattform, weil sie mit ihren Ausstellungen und ihrer aktiven Museumspädagogik
trotz der Möglichkeiten, die Bücher, Fernsehen,
Internet und andere Medien bieten, auch heute zu den beliebtesten
und meistbesuchten Kultureineinrichtungen überhaupt
zählen.
Weitere Informationen: www.dnfs.de; www.biodiversitaet2010.de
Dr. Gesine Steiner,
Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für
Evolutions-
und Biodiversitätsforschung
an der Humboldt-Universität
zu Berlin |