Führende
Klimaforscher stellen "Kopenhagen-Diagnose"
Der Klimawandel vollzieht sich schneller als
erwartet. Die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen
ist dringend
erforderlich,
sagen führende Wissenschaftler.
Die großen Eisschilde der Erde verlieren zunehmend
an Masse; das arktische Meereis schwindet deutlich schneller
als noch kürzlich projiziert und der Meeresspiegel wird
wahrscheinlich stärker ansteigen als bislang angenommen.
Das geht aus einem neuen globalen Synthesebericht hervor,
den einige der führenden Klimawissenschaftler der Welt
verfasst haben.
In dem "Copenhagen Diagnosis" genannten Bericht
kommen 26 Wissenschaftler, die meisten davon Autoren früherer
Berichte des Weltklimarates IPCC, zu dem Schluss, dass einige
Aspekte des Klimawandels früher und stärker eintreten
als noch vor wenigen Jahren vermutet.
Der globale Temperaturanstieg folgt weiterhin den früheren
Projektionen des IPCC aufgrund der wachsenden Treibhausgas-Konzentrationen
in der Atmosphäre. Ohne deutliche Verminderung der Emissionen
könnte die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr
2100 um bis zu sieben Grad Celsius ansteigen, berichten die
Autoren.
Der Bericht ist Ergebnis einer einjährigen Zusammenarbeit.
Die Autoren fassen darin neue Schlüsselergebnisse der
Klimaforschung zusammen, die noch nicht im vierten Sachstandsbericht
des IPCC (Fourth Assessment Report, 2007) enthalten waren:
- Satelliten- und direkte Messungen zeigen, dass sowohl
der Grönländische als auch der Antarktische Eisschild
zunehmend an Masse verlieren und zum Anstieg des Meeresspiegels
beitragen.
- Das arktische Meereis schwindet deutlich schneller als
nach den Projektionen von Klimamodellen zu erwarten war.
So war der Eisverlust in den Sommern der Jahre 2007 bis 2009
jeweils rund 40 Prozent größer als der Mittelwert
der Simulationsrechnungen für den vierten Sachstandsbericht
des IPCC von 2007.
- In den vergangenen 15 Jahren ist der Meeresspiegel um
mehr als fünf Zentimeter angestiegen. Der Anstieg liegt
damit rund 80 Prozent über den Projektionen aus dem
dritten Sachstandsbericht des IPCC von 2001. Durch den Schmelzwasserzufluss
von Eisschilden und Gebirgsgletschern könnte der Pegel
bis zum Jahr 2100 global um mehr als einen Meter bis maximal
zwei Meter ansteigen - deutlich stärker als nach den
Projektionen des IPCC. In den nächsten Jahrhunderten
muss mit einem weiteren Anstieg um mehrere Meter gerechnet
werden.
- Im Jahr 2008 wurden rund 40 Prozent mehr Kohlendioxid
aus fossilen Quellen freigesetzt als im Jahr 1990. Selbst
wenn die Emissionen nicht weiter zunähmen, wäre
schon innerhalb von 20 Jahren das Emissionsbudget aufgebraucht,
das der Welt noch zur Verfügung steht, wenn die globale
Erwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius begrenzt
werden soll.
Aus dem Bericht geht hervor, dass die globalen Emissionen
in spätestens fünf bis zehn Jahren ihren Gipfel überschritten
haben und anschließend schnell abnehmen müssen,
damit die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels vermieden
werden können.
Um das Klimasystem zu stabilisieren, müssen die Emissionen
von Kohlendioxid und anderen langlebigen Treibhausgasen noch
in diesem Jahrhundert fast auf Null gesenkt werden, berichten
die Autoren.
The Copenhagen Diagnosis, 2009: Updating the World on Latest
Climate Science.
I. Allison, N.L. Bindoff, R.A. Bindschadler, P.M. Cox, N.
de Noblet, M.H. England, J.E. Francis, N. Gruber, A.M. Haywood,
D.J. Karoly, G. Kaser, C. Le Quéré, T.M. Lenton,
M.E. Mann, B.I. McNeil, A.J. Pitman, S. Rahmstorf, E. Rignot,
H.J. Schellnhuber, S.H. Schneider, S.C. Sherwood, R.C.J.
Somerville, K. Steffen, E.J. Steig, M. Visbeck, A.J. Weaver.
University of New South Wales Climate Change Research Centre
(CCRC), Sydney, Australia, 60pp.
Statements von Autoren:
"Dies ist der letzte wissenschaftliche Aufruf an die
Unterhändler von 192 Staaten, den Klimaschutz-Zug in
Kopenhagen nicht zu verpassen. Sie müssen die ganze
Wahrheit über die globale Erwärmung und die damit
verbundenen nie dagewesenen Risiken kennen."
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts
für Klimafolgenforschung (PIK) und Vorsitzender des
Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
(WBGU)
"Der Meeresspiegel steigt rascher und das arktische
Meereis schwindet deutlich schneller als erwartet. Leider
zeigen uns diese Daten, dass wir die Klimakrise bislang unterschätzt
haben."
Stefan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane und
Abteilungsleiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse
am PIK
"Die Ozeane sind durch die Erwärmung und die gesteigerte
Aufnahme von Kohlendioxid zunehmend gefährdet. Die Verluste
an biologischer Vielfalt aufgrund der Wassererwärmung,
der Versauerung und des auftretenden Sauerstoffmangels werden
in Zukunft erheblich zur aktuellen Gefährdung durch Überfischung
und Meeresverschmutzung beitragen."
Martin Visbeck, Professor für Physikalische Ozeanographie
und Stellvertretender Direktor des IFM-GEOMAR
"Schon die Anpassung der Gletscher an das heutige Klima
wird den Meeresspiegel voraussichtlich um 18 Zentimeter ansteigen
lassen. Bei weiterer Erwärmung könnten sie bis
zum Jahr 2100 mehr als einen halben Meter zum Anstieg beitragen."
Georg Kaser, Glaziologe an der Universität Innsbruck
"Das Klimasystem hält uns keinen Rettungsanker
bereit. Den müssen wir selber auswerfen, indem wir die
Emissionen von CO2 und den anderen Treibhausgasen möglichst
schnell reduzieren."
Nicolas Gruber, Professor für Umweltphysik, ETH Zürich
"Die Kohlendioxid-Emissionen dürfen nicht weiter
zunehmen, wenn die Menschheit das Risiko unbeherrschbarer
Auswirkungen des Klimawandels begrenzen will. Wir müssen
den Wendepunkt bald erreichen; die Aufgabe duldet keinen
Aufschub. Wenn wir die Erwärmung auf zwei Grad Celsius
begrenzen wollen, was sich viele Länder zum Ziel gesetzt
haben, müssen die Emissionen ihr Maximum vor 2020 erreichen
und anschließend schnell abnehmen."
Richard Somerville, Professor Emeritus für Atmosphärenwissenschaften
an der University of California, San Diego
"Unser Spielraum für 'erlaubte Emissionen', die
unsere Klimazukunft nicht zu stark gefährden, ist so
gut wie ausgeschöpft. Innerhalb nur eines Jahrzehnts
müssen die globalen Emissionen beginnen abzunehmen.
Angesichts des schnellen Wirtschaftswachstums in einigen
Nationen brauchen wir dringend eine verbindliche Einigung,
die sicherstellt, dass die großen Emittenten einmütig
handeln."
Matthew England, Direktor am Climate Change Research Centre
der University of New South Wales, Australien
- Gemeinsame Mitteilung der Autoren des Berichts "The
Copenhagen Diagnosis"
Patrick Eickemeier,
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
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