Klimawandel:
Konsequenzen und Anpassungsstrategien
Das Themenheft "Klimawandel im Industriezeitalter" fasst
den aktuellen Wissensstand für Laien verständlich
zusammen
Der Mensch ist nicht allein für den Klimawandel verantwortlich,
aber die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte ist
mit hoher Wahrscheinlichkeit auf menschliche Aktivitäten,
insbesondere den Ausstoß von Treibhausgasen, zurückzuführen. Über
Konsequenzen, Abwehrmaßnahmen und Anpassungsstrategien
gibt es derzeit eine Flut an Publikationen unterschiedlicher
Qualität. Den aktuellen Stand des Wissens fasst das
soeben erschienene Themenheft "Klimawandel im Industriezeitalter" der "Geographischen
Rundschau" in einer für Laien verständlichen
Form zusammen. Die renommierten Autoren decken darin das
gesamte Spektrum ab: von der Meteorologie über wirtschaftliche
Folgen und landwirtschaftliche Erträge bis hin zu gesundheitlichen
Schäden.
Das im Westermann Verlag erschienene Heft entstand mit der
wissenschaftlichen Beratung von Prof. Christian Schönwiese
vom Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe
Universität, der auch den einführenden Beitrag
dazu geschrieben hat. Darin geht es zunächst um die
Fakten des Klimawandels in der Vergangenheit, insbesondere
hinsichtlich Temperatur und Niederschlag, einschließlich
Extremereignissen. Schönwiese betonte, dass der Klimawandel
langzeitlich gesehen grundsätzlich nichts Neues ist
und aus den unterschiedlichsten Gründen zu den Charakteristika
unseres Planeten gehört.
Im Industriezeitalter ist jedoch eine ungewöhnlich
rasche und ausgeprägte Erwärmung aufgetreten, die
zwar nach wie vor von natürlichen Fluktuationen und
erheblichen regionalen Unterschieden überlagert ist.
Doch die Analyse dieser Beobachtungsdaten lässt in Übereinstimmung
mit Klimamodellrechnungen keinen Zweifel daran, dass zumindest
die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte hauptsächlich
auf den Klimafaktor Mensch zurückgeht. Die Folgen sind
zum Teil dramatisch, wie beispielsweise der Rückgang
der Gebirgsgletscher und der arktischen Meereisbedeckung
zeigt. Zudem nimmt vielfach die Häufigkeit und Intensität
von Extremereignissen wie Hitzesommern, Starkniederschlägen
und Dürren zu, was sowohl die Überschwemmungs-
als auch die Waldbrandgefahr erhöht.
Wie sicher sind die Vorhersagen von Klimamodellen angesichts
der komplexen Wechselwirkungen von Luft, Ozeanen, Eisflächen,
Boden und Vegetation? "Zeitgemäße Klimastudien
greifen niemals auf ein einzelnes Klimamodell zurück,
sondern verknüpfen mehrere Klimasimulation mit unterschiedlichen
Ausgangsbedingungen", erläuterte Prof. Heiko Paeth
vom Institut für Geographie der Universität Würzburg.
Aber egal wie man die unterschiedlichen Klimamodelle kombiniert
und welche Emissionsszenarien man durchspielt: Das Ergebnis
ist immer eine Erwärmung, die proportional zum Ausstoß von
Treibhausgasen ansteigt.
Um herauszufinden, ob diese Erwärmung nicht allein
durch natürliche Faktoren wie Vulkanausbrüche oder
Sonnenaktivität erklärt werden kann, haben Meteorologen
auch Szenarien berechnet, in denen menschliche Faktoren außen
vor gelassen werden. "Die Irrtumswahrscheinlichkeit,
dass der Mensch nicht Hauptverursacher der globalen Erwärmung
ist, beträgt fünf bis zehn Prozent", erklärt
Paeth. Müssten bei einer vorliegenden Irrtumswahrscheinlichkeit überhaupt
Anstrengungen im Klimaschutz unternommen werden? Dazu führte
Paeth das Beispiel der Irrtumswahrscheinlichkeit bei Eheschließungen
an. Diese betrage 51 Prozent. Dennoch würden sich viele
Menschen zu diesem Schritt entschließen.
Eine Prognose für das Auftreten extremer Wetterereignisse
wie Hitze- und Kälteperioden, Dürren und Starkniederschläge
in Deutschland stellte Prof. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe
vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Gemeinsam
mit Prof. Peter Werner analysierte der Forscher Daten von
265 Klimastationen und 2072 Niederschlagsmessstellen in Deutschland,
die im Zeitraum von 1951 bis 2006 aufgenommen wurden. Die
Entwicklung ist regional verschieden: Während der Sommer
in einigen Regionen wie Nordostdeutschland, Ostbayern und
dem Münsterland inzwischen meist 10 Tage früher
beginnt, verzögert er sich in Norddeutschland um bis
zu 20 Tage. Parallel dazu haben die Kälteperioden im
Mittel um bis zu 10 Tage pro Jahr abgenommen. Für die
Zukunft prognostizieren die Meteorologen eine Zunahme der
Hitzeperioden und in einigen Regionen sogar Dürren,
während in anderen Regionen gehäuft starke Regenfälle
und Überschwemmungen auftreten werden. Die Häufigkeit
sehr kalter Tage wird im Mittel weiter zurückgehen.
Welche Auswirkungen der Klimawandel auf die landwirtschaftlichen
Erträge in Deutschland hat, erklärte Privatdozent
Frank Chmielewski vom Institut für Pflanzenbauwissenschaften
an der Humboldt Universität, Berlin. Winterweizen und
-gerste, Zuckerrüben und Kartoffeln sind erdgeschichtlich
an einen höheren CO2-Gehalt der Atmosphäre angepasst
und dürften daher künftig höhere Erträge
abwerfen. Mais, Zuckerrohr und Hirse sind dagegen weniger
gut an angepasst, so dass mit geringeren Erträgen zu
rechnen ist. Die Anbaugrenzen für viele mitteleuropäische
Getreidepflanzen und Hackfrüchte werden sich mit steigender
Temperatur nach Norden und in höhere Lagen verschieben.
Auch mancher Schädling wird sich mit ihnen ausbreiten.
Die zunehmende Trockenheit wird die Landwirtschaft in Regionen
erschweren, deren Bodenspeicherkapazität schon heute
gering ist (Brandenburg und Niedersachen). Schäden durch
Pilzerkrankungen, die durch feuchtes Wetter begünstigt
werden, dürften dagegen zurückgehen.
Gesundheitliche Auswirkungen wird der Klimawandel in den
mitteleuropäischen Breiten vor allem wegen der zunehmenden
Hitzeperioden haben. Wie Daten zu Sterblichkeitsraten belegen,
sind besonders ältere Menschen, Kinder, und solche,
die an Herz-Kreislauferkrankungen leiden, betroffen. Prof.
Gerd Jendritzky vom Meteorologischen Institut der Universität
Freiburg forderte deshalb Anpassungsstrategien wie die Einführung
geeigneter Hitzewarnsysteme, die Alarm auslösen, sobald
der von den Gesundheitsbehörden festgelegte biometeorologische
Schwellenwert für Hitzebelastung überschritten
ist. Weitere Interventionen sind in einem, an die jeweiligen
lokalen Bedingungen angepassten Notfallplan festgehalten.
Als langfristige Anpassung sei eine klimaorientierte Stadtplanung
vonnöten. Als weitere, durch den Klimawandel verursachte
Gesundheitsschäden nannte er Ertrinken, Verletzungen
und psychische Störungen durch Hochwasser und Überschwemmungen
nach starken Regenfällen.
Da die Überträger von Infektionskrankheiten wie
Stechmücken, Läuse, Ratten oder Mäuse sich
verhältnismäßig schnell an veränderte
Umweltbedingungen anpassen, ist mit einer Ausbreitung von
Krankheiten wie Malaria in nördliche Gebiete zu rechnen.
Auch Zecken, die aufgrund langer Sommer und milder Winter
länger überleben, verbreiten sich vom gesamten
Mittelmeerraum bis nach Südskandinavien und mit ihnen
Krankheiten wie Lyme-Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis.
Krankheiten, wie das vermehrte Auftreten von Asthma oder
Todesfälle und Sachschäden durch extreme Wetterereignisse,
bringen auch hohe wirtschaftliche Kosten mit sich. Prof.
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung
an der Humboldt Universität, Berlin, verdeutlichte anhand
des globalen Simulationsmodells WIAGEM die langfristig geschätzten, ökonomischen
Auswirkungen des Klimawandels. Bei einer Temperaturänderung
von 4,5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 errechnete sie allein
für Deutschland volkswirtschaftliche Kosten in Höhe
von 800 Milliarden US-Dollar in den kommenden 50 Jahren.
Chancen sieht Kemfert in einer CO2-freien Energieversorgung,
die zudem eine zeitgleiche Förderung der Wirtschaft
beinhalte: Die Passivbauweise könnte die Baubranche
fördern, innovative Energietechniken zum weltweiten
Absatzschlager werden.
Dr. Anne Hardy,
Goethe-Universität Frankfurt am Main |