Landesverein Badische Heimat e.V.

Badische Heimat - das Online-Magazin

5/2009

Vom Kratte, Gumpe und dem Schaltkarch

Das Alemannische Wörterbuch

Der Dialekt ist auf dem Rückzug, auch in alemannischen Sprachraum, und was mancher für Dialekt hält, ist oft nur mehr eine mundartlich gefärbte Umgangssprache. So sind letztlich alle Bemühungen zu begrüßen, die den lebendigen Umgang mit der Mundart fördern.

So stellt auch das vorliegende Werk ein ganz besonderes Bemühen dar, den Sprachschatz der Mundart systematisch zu dokumentieren: das Alemannische Wörterbuch nach der Arbeit von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor, das in Zusammenarbeit mit der Muettersproch-Gsellschaft von der Badischen Heimat als Band 2 seiner neuen Schriftenreihe herausgebracht wurde.

Es basiert mit seinen 10500 Stichwörtern und 12500 Bedeutungen auf 406 Seiten zum großen Teil auf den Vorarbeiten zum „Badischen Wörterbuch“, das aber im Gegensatz zum vorliegenden Werk keine Mundart mit einheitlichen Kennzeichen, sondern die im Bereich des alten Baden gebräuchlichen Ausdrücke und Spielarten der hier heimischen vier großen Dialektgruppen auflistet. Verzeichnet wird im Alemannischen Wörterbuch der Wortschatz Südbadens in seiner Lautung, Bedeutung, Verwendung (in Satzbeispielen, Redensarten, Sprichwörtern, Kinderreimen u. a.), zum Teil werden auch etymologische Nachweise gegeben. Diese zeigen, dass manche alemannischen Wörter unmittelbarer aus dem Mittelhochdeutschen kommen als die entsprechenden Begriffe des Hochdeutschen. Einige Wörter kommen aber auch direkt aus dem Wortschatz der Schwarzwald-Romania, dem Romanischen der gallorömischen Bevölkerung in vorkarolingischer Zeit.

Zielgruppen für dieses in seiner Geschlossenheit und in seinem Umfang bahnbrechende Werk gibt es einige: Wenn auch die aktiven Sprecher nicht vorrangig darauf zurückgreifen dürften, weil es in den Herkunftsvarianten nur allgemein „vereinzelt SO-Baden“, „mancherorts Markgräflerland“ oder „verbreitet Hotzenwald“ nennt, ist es doch eine Fundgrube für all die, die in ihrer Vergangenheit mit dem Dialekt aufgewachsen sind, ihn aber nicht mehr in seiner Originalität täglich pflegen. Da stößt hin und wieder ein Ausdruck auf, an den man sich erinnert, der im Gebrauch war, aber durch das Hochdeutsche längst aus dem aktiven Sprachschatz verschwunden ist. Und auch der in den alemannischen Sprachraum Zugewanderte wird hier manchen Ausdruck finden, der ihm hier oder da schon begegnet ist.

So drückte dem Rezensenten seine Großmutter den „Kratte“ in die Hand, den er – gefüllt mit geernteten „Kriese“ auf den „Schaltkarch“ lud, um sie zum Händler zu fahren.

Das Wörterbuch ist logischer aufgebaut als seine Vorbilder, da es Querverweise auf Sprachvarianten und –verwandtschaften enthält, mit denen sich auch die entfernter liegenden Varianten eines Begriffs erschließen lassen. Dass sich in Einzelfällen damit ein längerer Suchweg (z.B. von „Bapp“ erst über „Papp“ zu „Babbe“) ergibt, wiegt nicht sonderlich schwer. Auffällig jedoch, dass es die schwäbische Bedeutung im Ausdruck „Schwätz koi Bäpp“ im Alemannischen nicht zu geben scheint.

Besonders aufschlussreich aber sind die Wortkarten, die z.T. auf der Basis des Südwestdeutschen Sprachatlas, zum Teil unter Auswertung der Fragebögen des Arbeitsbereichs „Badisches Wörterbuch“ am Deutschen Seminar 1 der Universität Freiburg erstellt wurden. Sie stellen die verschiedenen Formen oder auch nur verschiedenen Lautungen eines Begriffs innerhalb des alemannischen Sprachraums dar. So sagt man nördlich von Emmendingen „hopse“, südlich davon „gumbe“/„gumpe“, Richtung Baar „hoppe“ und am Bodensee „jucke“. Generell zeigen sich in vielen Karten die doch deutlichen Unterschiede zwischen dem Niederalemannischen Mittelbadens, dem Oberalemannischen Südbadens und dem Seealemannischen des Bodenseeraums. Korrekterweise müsste hier allerdings von Oberrhein- Süd- und Bodenseealemannisch gesprochen werden. Einheitliche Sprachgrenzen gibt es jedoch keine, wo in manchen Karten eine zwischen Offenburg und Freudenstadt verlaufende Grenze zwei Sprachräume zu trennen scheint, zieht genau diese bei anderen Begriffen ganz woanders. Gleichsam verbindlich ist nur die Sprachgrenze zwischen dem Oberrhein- („Kind“) und dem Südalemannischen („Chind“); letzteres hat also die vom Schweizer Sprachraum ausgehende vierte Lautverschiebung, jenes nicht.

Fast selbstverständlich ist angesichts dieser Arbeiten eine umfangreiche Einleitung, in der die Mundarträume im Untersuchungsgebiet vorgestellt werden und in der Klarheit über Sprachgrenzen geschaffen wird. Grundsätzliche Ausführungen über Vokalisierungen, Konsonantenvariationen, Nasalisierung und Palatalisierung geben detailliert Auskunft über die Besonderheiten des alemannischen Dialekts.

Die Autoren

Prof. Dr. Rudolf Post, Jahrgang 1944, leitete von 1998 bis 2009 den Arbeitsbereich „Badisches Wörterbuch“ am Deutschen Seminar 1 der Universität Freiburg i. Br. und hat in dieser Zeit den vierten Band dieses Wörterbuchs (N-Schw) fertiggestellt.

Friedel Scheer-Nahor M.A., Jahrgang 1956, ist seit 1988 im Arbeitsbereich „Badisches Wörterbuch“ beschäftigt. Sie forschte über Hebraismen in den Dialekten Badens und verfasste mehrere Serien zu südbadischen Dialekten in der Badischen Zeitung und in der Badischen Bauernzeitung. Außerdem ist sie Geschäftsführerin der Muettersproch-Gsellschaft.

P.S. Kratte, Gumpe und Schaltkarch? Kratte ist der Weidenkorb. Kriese die Kirsche, Schaltkarch der einachsige Marktwagen (in der Familie wurde so allerdings auch der zweiachsige, von Hand gezogene Leiterwagen genannt), und Gumpe ist die Bodensenke, der flache Tümpel – und Kriese und Gumpe sind zwei Wörter, die, wie das Fachwort Särmde für abgeschnittenes Rebholz, direkt aus dem Romanischen ins Alemannische kamen.

Alemannisches Wörterbuch
von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor
408 Seiten, 10 500 Stichwörter, 12 500 Bedeutungen, 150 Karten
Format 17 x 24 cm
€ 39,— im Buchhandel
ISBN 978-3-7650-8534-5

Zu beziehen über die Geschäftsstelle der Badischen Heimat

Bild: Schwetzingen, Zirkelbau
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