Vom
Kratte, Gumpe und dem Schaltkarch
Das Alemannische Wörterbuch
Der
Dialekt ist auf dem Rückzug, auch in alemannischen Sprachraum,
und was mancher für Dialekt hält, ist oft nur mehr
eine mundartlich gefärbte Umgangssprache. So sind letztlich
alle Bemühungen zu begrüßen, die den lebendigen
Umgang mit der Mundart fördern.
So stellt auch das vorliegende Werk ein ganz besonderes
Bemühen dar, den Sprachschatz der Mundart systematisch
zu dokumentieren: das Alemannische Wörterbuch nach der
Arbeit von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor, das in Zusammenarbeit
mit der Muettersproch-Gsellschaft von der Badischen Heimat
als Band 2 seiner neuen Schriftenreihe herausgebracht wurde.
Es basiert mit seinen 10500 Stichwörtern und 12500
Bedeutungen auf 406 Seiten zum großen Teil auf den
Vorarbeiten zum „Badischen Wörterbuch“,
das aber im Gegensatz zum vorliegenden Werk keine Mundart
mit einheitlichen Kennzeichen, sondern die im Bereich des
alten Baden gebräuchlichen Ausdrücke und Spielarten
der hier heimischen vier großen Dialektgruppen auflistet.
Verzeichnet wird im Alemannischen Wörterbuch der Wortschatz
Südbadens in seiner Lautung, Bedeutung, Verwendung (in
Satzbeispielen, Redensarten, Sprichwörtern, Kinderreimen
u. a.), zum Teil werden auch etymologische Nachweise gegeben.
Diese zeigen, dass manche alemannischen Wörter unmittelbarer
aus dem Mittelhochdeutschen kommen als die entsprechenden
Begriffe des Hochdeutschen. Einige Wörter kommen aber
auch direkt aus dem Wortschatz der Schwarzwald-Romania, dem
Romanischen der gallorömischen Bevölkerung in vorkarolingischer
Zeit.
Zielgruppen für dieses in seiner Geschlossenheit und
in seinem Umfang bahnbrechende Werk gibt es einige: Wenn
auch die aktiven Sprecher nicht vorrangig darauf zurückgreifen
dürften, weil es in den Herkunftsvarianten nur allgemein „vereinzelt
SO-Baden“, „mancherorts Markgräflerland“ oder „verbreitet
Hotzenwald“ nennt, ist es doch eine Fundgrube für
all die, die in ihrer Vergangenheit mit dem Dialekt aufgewachsen
sind, ihn aber nicht mehr in seiner Originalität täglich
pflegen. Da stößt hin und wieder ein Ausdruck
auf, an den man sich erinnert, der im Gebrauch war, aber
durch das Hochdeutsche längst aus dem aktiven Sprachschatz
verschwunden ist. Und auch der in den alemannischen Sprachraum
Zugewanderte wird hier manchen Ausdruck finden, der ihm hier
oder da schon begegnet ist.
So drückte dem Rezensenten seine Großmutter den „Kratte“ in
die Hand, den er – gefüllt mit geernteten „Kriese“ auf
den „Schaltkarch“ lud, um sie zum Händler
zu fahren.
Das Wörterbuch ist logischer aufgebaut als seine Vorbilder,
da es Querverweise auf Sprachvarianten und –verwandtschaften
enthält, mit denen sich auch die entfernter liegenden
Varianten eines Begriffs erschließen lassen. Dass sich
in Einzelfällen damit ein längerer Suchweg (z.B.
von „Bapp“ erst über „Papp“ zu „Babbe“)
ergibt, wiegt nicht sonderlich schwer. Auffällig jedoch,
dass es die schwäbische Bedeutung im Ausdruck „Schwätz
koi Bäpp“ im Alemannischen nicht zu geben scheint.
Besonders aufschlussreich aber sind die Wortkarten, die
z.T. auf der Basis des Südwestdeutschen Sprachatlas,
zum Teil unter Auswertung der Fragebögen des Arbeitsbereichs „Badisches
Wörterbuch“ am Deutschen Seminar 1 der Universität
Freiburg erstellt wurden. Sie stellen die verschiedenen Formen
oder auch nur verschiedenen Lautungen eines Begriffs innerhalb
des alemannischen Sprachraums dar. So sagt man nördlich
von Emmendingen „hopse“, südlich davon „gumbe“/„gumpe“,
Richtung Baar „hoppe“ und am Bodensee „jucke“.
Generell zeigen sich in vielen Karten die doch deutlichen
Unterschiede zwischen dem Niederalemannischen Mittelbadens,
dem Oberalemannischen Südbadens und dem Seealemannischen
des Bodenseeraums. Korrekterweise müsste hier allerdings
von Oberrhein- Süd- und Bodenseealemannisch gesprochen
werden. Einheitliche Sprachgrenzen gibt es jedoch keine,
wo in manchen Karten eine zwischen Offenburg und Freudenstadt
verlaufende Grenze zwei Sprachräume zu trennen scheint,
zieht genau diese bei anderen Begriffen ganz woanders. Gleichsam
verbindlich ist nur die Sprachgrenze zwischen dem Oberrhein-
(„Kind“) und dem Südalemannischen („Chind“);
letzteres hat also die vom Schweizer Sprachraum ausgehende
vierte Lautverschiebung, jenes nicht.
Fast selbstverständlich ist angesichts dieser Arbeiten
eine umfangreiche Einleitung, in der die Mundarträume
im Untersuchungsgebiet vorgestellt werden und in der Klarheit über
Sprachgrenzen geschaffen wird. Grundsätzliche Ausführungen über
Vokalisierungen, Konsonantenvariationen, Nasalisierung und
Palatalisierung geben detailliert Auskunft über die
Besonderheiten des alemannischen Dialekts.
Die Autoren
Prof. Dr. Rudolf Post, Jahrgang 1944, leitete von 1998 bis
2009 den Arbeitsbereich „Badisches Wörterbuch“ am
Deutschen Seminar 1 der Universität Freiburg i. Br.
und hat in dieser Zeit den vierten Band dieses Wörterbuchs
(N-Schw) fertiggestellt.
Friedel Scheer-Nahor M.A., Jahrgang 1956, ist seit 1988
im Arbeitsbereich „Badisches Wörterbuch“ beschäftigt.
Sie forschte über Hebraismen in den Dialekten Badens
und verfasste mehrere Serien zu südbadischen Dialekten
in der Badischen Zeitung und in der Badischen Bauernzeitung.
Außerdem ist sie Geschäftsführerin der Muettersproch-Gsellschaft.
P.S. Kratte, Gumpe und Schaltkarch? Kratte ist der Weidenkorb.
Kriese die Kirsche, Schaltkarch der einachsige Marktwagen
(in der Familie wurde so allerdings auch der zweiachsige,
von Hand gezogene Leiterwagen genannt), und Gumpe ist die
Bodensenke, der flache Tümpel – und Kriese und
Gumpe sind zwei Wörter, die, wie das Fachwort Särmde
für abgeschnittenes Rebholz, direkt aus dem Romanischen
ins Alemannische kamen.
Alemannisches Wörterbuch
von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor
408 Seiten, 10 500 Stichwörter, 12 500 Bedeutungen, 150 Karten
Format 17 x 24 cm
€ 39,— im Buchhandel
ISBN 978-3-7650-8534-5
Zu beziehen über die Geschäftsstelle der Badischen
Heimat |
|