Neue
Antworten auf eine alte Frage: Forstliche Nachhaltigkeit
zwischen Klimawandel und Finanzkrise
Im nordostdeutschen Tiefland
fanden die Forscher von NEWAL-NET ein geradezu ideales
Untersuchungsgebiet für den "klimaplastischen
Laubwald". Im Übergangsbereich zwischen subozeanischem
und subatlantischem Klima ist die Buche nicht mehr der alles
beherrschende Baum, sondern wird von Stiel- und Traubeneiche,
Hainbuche und Winterlinde, Esche, Bergahorn und Vogelkirsche
begleitet.
Tagung bilanziert die Ergebnisse des BMBF-Förderschwerpunktes "Nachhaltige
Waldwirtschaft"
Leipzig/Hamburg. "In Deutschland ist eine andere Einstellung
zum Wald und zur Waldpolitik erforderlich." Zu diesem
Ergebnis kommen Akteure aus Forst und Holz, aus Naturwissenschaften
und Sozialwissenschaften. Über fünf Jahre hinweg
forschten rund 380 Experten zu vielfältigsten forst-
und holzfachlichen Themen sowie zu Fragen von Wissenstransfer,
Bildung und Kommunikation Gemeinsam legen sie am 9. und 10.
September in Hamburg zur Tagung "Nachhaltigkeit in Forst
und Holz" neue Antworten auf die alte Frage vor:
Wie der Wald genutzt werden kann, ohne ihn in seiner Regenerationsfähigkeit
zu beeinträchtigen. Sie bilanzieren damit die Arbeit
des Förderschwerpunktes "Nachhaltige Waldwirtschaft",
den das Bundesministerium für Bildung und Forschung
im Rahmen des Programms "Forschung für Nachhaltigkeit" zwischen
2004 und 2009 mit rund 30 Millionen Euro gefördert hat.
25 Verbünde hatte sich unter dem Dach der "Nachhaltigen
Waldwirtschaft" zusammengefunden, moderiert und koordiniert
wurde das Netzwerk am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
- UFZ, Leipzig.
Die Bilanz fällt ebenso eindeutig wie vielfältig
aus. Eindeutig ist: Auch wenn die Holzpreise zurzeit niedrig
sind - Holz ist und bleibt unter Druck. Es ist nur eine Frage
der Zeit, bis die Nachfrage wieder steigt und der nachwachsende
Rohstoff wieder als Allheilmittel gegen Ressourcennot und
zur CO2-Speicherung dienen soll. Doch können deutsche
Forste und heimische Hölzer dies leisten? Wie überhaupt
ist es um die Zukunft des deutschen Waldes bestellt im Spannungsfeld
zwischen Klimawandel und Finanzkrise? Wie kann die Zukunft
gestaltet werden im Spagat zwischen der Langlebigkeit des Ökosystems
und der Kurzfristigkeit von Politik?

Im nordostdeutschen Tiefland fanden die Forscher von
NEWAL-NET ein geradezu ideales Untersuchungsgebiet für den "klimaplastischen
Laubwald". Im Übergangsbereich zwischen subozeanischem
und subatlantischem Klima ist die Buche nicht mehr der alles
beherrschende Baum, sondern wird von Stiel- und Traubeneiche,
Hainbuche und Winterlinde, Esche, Bergahorn und Vogelkirsche
begleitet.
Bild: Caroline Möhring, Dresden
Prinzipiell ist sich die Wissenschaft einig: Der Klimawandel
wird kommen. Das wohl wahrscheinlichste Szenario: Die Temperatur
wird im jährlichen Mittel in den nächsten 50 bis
100 Jahren um zwei bis vier Grad Celsius steigen, der Niederschlag
sich anders erteilen. Starkregen, Dürreperioden, lokale
Stürme und Nassschnee werden sich häufen. Zum Problem
wird für den Wald die Geschwindigkeit, mit der der Klimawandel
heranbraust. 100 Jahre sind nach menschlichen Maßstäben
reichlich Zeit; für eine deutsche Buche ist das in der
Regel gerade mal etwas mehr als die Hälfte ihrer Lebenszeit.
Für den Wald selbst, sowohl für den einzelnen Baum
als auch für den Bestand, heißt die Devise: Anpassung.
Die Anpassung kann auf verschiedenen Wegen erfolgen: Mit
dem "klimaplastischen Laubmischwald" werden baumartenreiche
Waldgesellschaften gestaltet - die in ihrer Mischung fähig
sind, eine größere Bandbreite von Umweltbedingungen
abzufangen und auszugleichen. "Risikostreuung im Wald
bedeutet, ein vielfältigeres Waldbild anzustreben",
erläutert Dr. Martin Jenssen vom BMBF-Forschungsverbund
NEWAL-NET. Werden die richtigen Baumarten in der richtigen
Mischung miteinander kombiniert, dann können sich Wälder
dauerhaft aus sich heraus weitgehend selbst organisieren
und bedürfen lediglich einer geringen forstlichen Begleitung.
Für die Zukunft hält ein solcher "klimaplastischer
Wald" mehrere Entwicklungspfade - "Freiheitsgrade" -
offen. In der Modellregion Schorfheide-Chorin lag der Fokus
der NEWAL-NET-Forscher auf heimischen Laubbaumarten wie Buche,
aber auch Stiel- und Traubeneiche, Hainbuche und Winterlinde,
ja sogar Esche, Bergahorn und Vogelkirsche.
Derweil können auch neue Baumarten, sog. Fremdländer,
eine Antwort auf den Klimawandel sein. Vor allem die Fichte,
die in Deutschland mit 27 Prozent Anteil an der Waldfläche
am weitesten verbreitete Nadelbaumart, wird vor allem an
trockenen und sommertrockenen Standorten eine der Verliererinnen
des Klimawandels sein. In die Bresche sollen Küstentanne,
Douglasie oder Roteiche als neue Hoffnungsträger springen.
Gerade die Küstentanne rückt aufgrund ihrer pfleglichen
Eigenschaften und ihres raschen Wachstums in den Fokus. "Ihr
Anteil wird in Zukunft deutlich steigen und die Fünf-Prozent-Marke überschreiten",
prognostiziert Prof. Dr. Hermann Spellmann aus dem BMBF-Forschungsverbund "Buche-Küstentanne" für
die Tanne aus Nordamerika.
Und schließlich kann dem Klimawandel durch die Sicherung
und Erweiterung der genetischen Variabilität von Waldbaumarten
begegnet werden. Derzeit prüft das Bayerische Amt für
forstliche Saat- und Pflanzenzucht (ASP Teisendorf) in Feldversuchen,
ob dies über das Einbringen süd- und südosteuropäischer
Arten in hiesige Wälder erreicht werden kann oder ob
heimische Buchen und Tannen auch in den für sie ungewohnt
wärmeren Regionen gedeihen und somit auch der hier erwartenden
Klimaänderung standhalten können. "Sollte
sich in den Versuchen zeigen, dass die bayerischen Buchen
mit den wärmeren Bedingungen in Bulgarien gut zurecht
kommen, können wir weiter auf heimische Herkünfte
setzen", betont ASP-Leiterin Dr. Monika Konnert, die
am BMBF-Forschungsverbund "Herkunftskontrolle" beteiligt
war.
Inwieweit sich diese Wege ergänzen, ist eine Frage an
die Zukunft des Waldumbaus.

Durch die innovative Methode der Holzmodifizierung rückt
Buchenholz von der schlechtesten Dauerhaftigkeitsklasse V
in die Klassen I und I vor. Damit weist es eine Witterungsfestigkeit
und Schädlingsresistenz auf, die es erlauben, auch Saunastühle
- hier das Modell "Sifas" der Firma Becker KG,
Brakel - aus dem einst als anfällig verpönten Buchenholz
herzustellen.
Foto: Becker KG, Brakel
Was jedoch bereits seit einem Vierteljahrhundert läuft,
ist der Umbau von Nadelmonokulturen hin zu Misch- und Laubwäldern;
dieser gründet sich vor allem auf die Buche, die hierzulande
als standortgerechte Baumart schlechthin gilt. Im Laufe der
Entwicklung erhöht sich der Anteil von Buche, Eiche & Co.
an der Waldfläche; und auch wenn Laubbäume bis
zu 40, 50 Jahre später als Nadelbäume hiebsreif
sind, Laubholz wird bereits in 20 Jahren rund 48 Prozent
der Holzernte ausmachen. Bisher sind es 38 Prozent. Ökologisch
ist der Anbau standortgerechter Baumarten zweifelsohne ein
Gewinn. Ob er es auch ökonomisch sein wird, hängt
von der Nachfrage ab. Damit es sich für die Holzindustrie
in Deutschland und in Mitteleuropa lohnt, von Fichte auf
Buche und von Kiefer auf Eiche umzusteigen, bedarf es einer
Produktpalette, die quantitativ umfangreich und qualitativ
hochwertig ist.
In den beiden BMBF-Forschungsverbünden "Buchenholzmodifizierung" und "OakChain" entwickelten
Experten aus Wissenschaft und Praxis gemeinsam Verfahren
der Holzmodifizierung: Während de einen die Eigenschaften
von Buchenholz auf zellulärer Ebene durch Imprägnierung
und Vernetzung verändert haben; beeinflussten die anderen über
eine Thermokammer die Zusammensetzung von Eichenholz. Im
Ergebnis weisen beide Holzarten die Vorteile von Tropenholz
auf: Dauerhaftigkeit, Dimensionsstabilität, Fäulnisresistenz
und Witterungsbeständigkeit. So lassen sich nach der ökologisch
unbedenklichen Modifizierung Skateboards und Saunastühle,
Gartenmöbel und Holzterrassen, Außentüren
und Pfähle herstellen - und es ist nicht allein gelungen,
Kohlenstoff in Form hochwertiger Produkte zu binden, sondern
zugleich Tropenholz adäquat durch heimische Laubhölzer
zu ersetzen.
Deutsche Forste und heimische Hölzer können dem
Klimawandel standhalten und zugleich gewinnbringend bewirtschaft
werden. Voraussetzung jedoch ist: Die Nutzungskonflikte rund
um den Wald zu erkennen und zu lösen. Die Rohstoffversorgung
für die Bauindustrie und andere Branchen, der Bedarf
an regenerativen Energien, der Schutz des Klimas und der
Biodiversität, der Wunsch nach Erholung und Regeneration
- all diese verschiedenen, teils gegensätzlichen Ansprüche
an den Wald erfordern eine gesellschaftliche Verständigung.
Werden nicht heute die Weichen gestellt für die Waldnutzung
der Zukunft, sind die Spielräume der Waldnutzung für
Generationen eingeschränkt. Galt das Gebot der Nachhaltigkeit
ursprünglich dem Gleichgewicht zwischen ökologischer
Stabilität und wirtschaftlicher Nutzung, so bedingen
heute die ökologischen Konsequenzen des Klimawandels
nicht allein ökonomische Anpassungen, sondern sie erfordern
ein Denken in Langfristigkeit. Dafür muss Waldpolitik
als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden und
gestaltet werden - über Interessengruppen und Ressortgrenzen
hinweg.
Tilo Arnhold,
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, Leipzig |