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Architektur und Kunstgeschichte
Barocker Mantel - Kalte Füße
Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte
des Schwetzinger Schlosses
Neue und durchaus überraschende Erkenntnisse aus der
jüngeren Bauforschung des Schwetzinger Schlosses präsentierte
gestern der Archäologe Achim Wendt bei einem Vortrag
der Burgenvereinigung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg.
Danach ist es durch Sondagegrabungen im unmittelbaren Bereich
des Nordflügels gelungen, nicht nur den mittelalterlichen
Kern der alten Wasserburg, sondern auch den Umfang und vor
allem die bauliche Ausgestaltung des renaissancezeitlichen
Ausbaus unter Kurfürst Ludwig V. nachzuweisen.
Bekannt war bisher, dass der rechte der beiden Fronttürme
der Zeit Ludwigs V. entstammt und aufgeführt wurde,
um ein Pendant zum älteren linken Turm an der Ostfront
des Baus zu schaffen. Zu dieser Zeit wurde auch die den alten
Burghof begrenzende Ostmauer niedergelegt und der Burghof
selbst geöffnet. Wendt konnte nun durch Vergleich der
Steinbearbeitung die verschiedenen Altersschichten der Bossenquader
an der Ostwand feststellen.
Neu aber ist, dass die Lage des Palas im Burghof nachgewiesen
werden konnte, er lag an der Nordseite des heutigen kleinen
Ehrenhofs, so dass der Burghof selbst schmaler war als der
heutige Ehrenhof, aber dafür tiefer.
Dieser mittelalterliche Palas wurde abgebrochen, als Ludwig
V., zu dessen Regierungszeit Heidelberg und sein Schloss
ohnehin schon, so Wendt, „die größte Baustelle
im Reich“ war, die Schwetzinger Wasserburg durch den
neuen „Ludwigsbau“ vergrößerte. Das
ist der heute noch in voller Größe bestehende
Nordflügel, datiert durch die Jahreszahl 1527 im Nordturm.
Er wurde erschlossen durch einen vor die hofseitige Ecke
gestellten Treppenturm („Schneck“ oder „Wendelstein“),
dessen Zwillingsbruder im Winkel zwischen Südseite des
Altbaus und Südflügel des Johann-Wilhelmschen Baus
noch steht.

Ostfront des Schwetzinger Schlosses: Der linke Tum stammt
aus dem späten 14., der rechte aus dem 16. Jahrhundert.
Am Ludwigsbau - rechts - ist deutlich die Baufuge zum barocken
Treppenhaus zu erkennen.
Nachdem aber ein vor die Ecke gestellter Treppenturm zur
Erschließung der Stockwerke denkbar schlecht geeignet
ist, war ein Galerievorbau, ähnlich dem anderthalb Jahrzehnte
später errichteten Gläsernen Saalbau im Heidelberger
Schloss, notwendig – möglicherweise aus Holz.
Das, so der Bauforscher Wendt, ist die eigentliche Sensation
des Baubefundes. Denn damit entstanden die Renaissancearkaden
des Gläsernen Saalbaus in Heidelberg nicht mehr unvermittelt
in der hiesigen Kunstlandschaft, sondern lassen sich auf
diesen Vorläufer zurückführen. Pfalzgraf Ottheinrichs
Renaissancearkaden im Neuburger Schloss sind damit zwar älter
als die Arkaden des Gläsernen Saalbaus, aber jünger
als die des Schwetzinger Ludwigsbaus.
Dieser Treppenturm, der im Ensemble mit seinem Zwillingsbruder
und den beiden Fronttürmen die Silhouette prägte,
wurde abgebrochen, als im Barock die Errichtung eines repräsentativen
Treppenhauses für notwendig erachtet wurde. Die Steine
wurden wieder verwendet, was der Nordseite ein recht einheitliches
Erscheinungsbild verschaffte; was übrig war, wurde in
den Burggraben geworfen und in unseren Tagen in seinen Schlammschichten
wieder gefunden.
Wendt schloss seine Ausführungen mit einer kunstgeschichtlichen
Einordnung der Bauten Ludwigs V., wie zum Beispiel des damals
richtungweisenden und repräsentativ ausgestalteten Zeughauses
am Heidelberger Neckarufer und stellte ihn in den Zusammenhang
mit der damaligen Antikenrezeption des Humanismus und damit
in eine Reihe mit den damals modernsten Bauten der Habsburger
in Tirol.
22.1.09
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