Landesverein Badische Heimat e.V.

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1/2009

Architektur und Kunstgeschichte

Barocker Mantel - Kalte Füße

Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Schwetzinger Schlosses

Neue und durchaus überraschende Erkenntnisse aus der jüngeren Bauforschung des Schwetzinger Schlosses präsentierte gestern der Archäologe Achim Wendt bei einem Vortrag der Burgenvereinigung im Kurpfälzischen Museum Heidelberg.

Danach ist es durch Sondagegrabungen im unmittelbaren Bereich des Nordflügels gelungen, nicht nur den mittelalterlichen Kern der alten Wasserburg, sondern auch den Umfang und vor allem die bauliche Ausgestaltung des renaissancezeitlichen Ausbaus unter Kurfürst Ludwig V. nachzuweisen.

Bekannt war bisher, dass der rechte der beiden Fronttürme der Zeit Ludwigs V. entstammt und aufgeführt wurde, um ein Pendant zum älteren linken Turm an der Ostfront des Baus zu schaffen. Zu dieser Zeit wurde auch die den alten Burghof begrenzende Ostmauer niedergelegt und der Burghof selbst geöffnet. Wendt konnte nun durch Vergleich der Steinbearbeitung die verschiedenen Altersschichten der Bossenquader an der Ostwand feststellen.

Neu aber ist, dass die Lage des Palas im Burghof nachgewiesen werden konnte, er lag an der Nordseite des heutigen kleinen Ehrenhofs, so dass der Burghof selbst schmaler war als der heutige Ehrenhof, aber dafür tiefer.

Dieser mittelalterliche Palas wurde abgebrochen, als Ludwig V., zu dessen Regierungszeit Heidelberg und sein Schloss ohnehin schon, so Wendt, „die größte Baustelle im Reich“ war, die Schwetzinger Wasserburg durch den neuen „Ludwigsbau“ vergrößerte. Das ist der heute noch in voller Größe bestehende Nordflügel, datiert durch die Jahreszahl 1527 im Nordturm. Er wurde erschlossen durch einen vor die hofseitige Ecke gestellten Treppenturm („Schneck“ oder „Wendelstein“), dessen Zwillingsbruder im Winkel zwischen Südseite des Altbaus und Südflügel des Johann-Wilhelmschen Baus noch steht.


Ostfront des Schwetzinger Schlosses: Der linke Tum stammt aus dem späten 14., der rechte aus dem 16. Jahrhundert. Am Ludwigsbau - rechts - ist deutlich die Baufuge zum barocken Treppenhaus zu erkennen.

Nachdem aber ein vor die Ecke gestellter Treppenturm zur Erschließung der Stockwerke denkbar schlecht geeignet ist, war ein Galerievorbau, ähnlich dem anderthalb Jahrzehnte später errichteten Gläsernen Saalbau im Heidelberger Schloss, notwendig – möglicherweise aus Holz. Das, so der Bauforscher Wendt, ist die eigentliche Sensation des Baubefundes. Denn damit entstanden die Renaissancearkaden des Gläsernen Saalbaus in Heidelberg nicht mehr unvermittelt in der hiesigen Kunstlandschaft, sondern lassen sich auf diesen Vorläufer zurückführen. Pfalzgraf Ottheinrichs Renaissancearkaden im Neuburger Schloss sind damit zwar älter als die Arkaden des Gläsernen Saalbaus, aber jünger als die des Schwetzinger Ludwigsbaus.

Dieser Treppenturm, der im Ensemble mit seinem Zwillingsbruder und den beiden Fronttürmen die Silhouette prägte, wurde abgebrochen, als im Barock die Errichtung eines repräsentativen Treppenhauses für notwendig erachtet wurde. Die Steine wurden wieder verwendet, was der Nordseite ein recht einheitliches Erscheinungsbild verschaffte; was übrig war, wurde in den Burggraben geworfen und in unseren Tagen in seinen Schlammschichten wieder gefunden.

Wendt schloss seine Ausführungen mit einer kunstgeschichtlichen Einordnung der Bauten Ludwigs V., wie zum Beispiel des damals richtungweisenden und repräsentativ ausgestalteten Zeughauses am Heidelberger Neckarufer und stellte ihn in den Zusammenhang mit der damaligen Antikenrezeption des Humanismus und damit in eine Reihe mit den damals modernsten Bauten der Habsburger in Tirol.

22.1.09

Bild: Schwetzingen, Zirkelbau
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