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500. Geburtstag Jean Calvins
„Gegen alle Tendenzen von Aberglauben
und Autoritätshörigkeit“
(lk) Speyer. Dr. Christoph Strohm, Kirchenhistoriker und
Professor für Reformationsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte
an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg,
stellt im Rahmen einer Lesung am Donnerstag, 19. Februar,
18 Uhr, im Lesesaal der Bibliothek und Medienzentrale der
Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer sein neues Calvin-Buch
vor, das unter dem Titel „Johannes Calvin. Leben und
Werk des Reformators“ Mitte Februar im Beck-Verlag
erscheint. Bei einer Tagung zum Calvin-Jahr des Vereins für
Pfälzische Kirchengeschichte im Januar hatte Prof. Dr.
Christoph Strohm in einem viel beachteten Vortrag ein Gesamtportrait
des Reformators skizziert und den Stand der wissenschaftlichen
Erforschung präsentiert. Bei der musikalisch umrahmten
Lesung spricht Kirchenpräsident Christian Schad ein
Grußwort. Die Speyerer Buchhandlung Oelbermann bietet
einen Büchertisch zum Thema an.
Herr Professor Strohm, Sie haben kürzlich beim
Verein für Pfälzische Kirchengeschichte einen viel
beachteten Vortrag über Johannes Calvin gehalten. Was
hat Sie bewogen, sich so ausführlich mit Leben und Werk
des Reformators zu beschäftigen?
Am Anfang meiner Beschäftigung mit Calvin
stand die Frage, ob es Unterschiede der Soziallehren bzw.
der ethischen Stellungnahmen des calvinistisch-reformierten
und des lutherischen Protestantismus gibt. Ist die früher
vielfach – zum Beispiel von großen Gelehrten
wie Ernst Troeltsch und Max Weber – geäußerte
Auffassung richtig, dass der calvinistisch-reformierte Protestantismus
mehr zur Entstehung der modernen westlichen Zivilisation
beigetragen hat als das vermeintlich „obrigkeitshörige“,
auf die „innere Rechtfertigungsseligkeit“ ausgerichtete
Luthertum?
Welche Bedeutung hat der nicht unumstrittene protestantische
Theologe und Begründer des „Calvinismus“,
dessen Geburtsjahr sich 2009 zum 500. Mal jährt, für
die Pfalz und für den Protestantismus in der Pfalz?
Die Kurpfalz mit der Universität und Residenzstadt
Heidelberg war am Ende des 16. und am Beginn des 17. Jahrhunderts
das geistige Zentrum des reformierten Protestantismus in
Europa und seine wichtigste Bastion im Reich. Junge Intellektuelle
wie der Dichter Martin Opitz fühlten sich durch die
Pflege von Humanismus und reformiertem Protestantismus an
der Universität angezogen. Man sah sich in der Verantwortung
dafür, gegen alle Tendenzen von Aberglauben und Autoritätshörigkeit
für eine schlichte, biblisch orientierte Frömmigkeit,
die mit der intellektuellen Durchdringung der Welt verbunden
war, zu kämpfen. Das sind auch heute noch lohnende Ziele.
Der Protestantismus, in der Pfalz und darüber hinaus,
sollte Frömmigkeit, die dem Menschen Demut einüben
hilft, mit intellektueller Schärfe und Zugewandtheit
in der Weltgestaltung verbinden.
Geben Sie uns bitte - als kleinen Vorgeschmack -
eine kurze Inhaltsangabe Ihres neuen Buches „Johannes
Calvin. Leben und Werk des Reformators“, das Mitte
Februar im Beck-Verlag erscheinen wird und aus dem Sie am
19. Februar in der Bibliothek und Medienzentrale der Evangelischen
Kirche der Pfalz lesen werden?
Das Buch versucht, Calvins Weg vom Glaubensflüchtling
zum Weltgestalter plausibel und anschaulich zu machen. Jenseits
von Calvin-Verehrung und Calvin-Verdammung sollen seine Prägungen
und Erfahrungen sichtbar werden, die seine ungewöhnliche
Wirkungskraft verstehen lassen. So ist Calvin zum Beispiel
an den besten juristischen Fakultäten seiner Zeit hervorragend
ausgebildet worden. Die Existenz als Glaubensflüchtling
und Fremder in Genf ist ein wichtiger Hintergrund für
sein vielfach unnachgiebiges und kompromissloses Auftreten.
Es ging ums Überleben der Reformation angesichts einer
eminenten Bedrohung. Ohne Unterbrechung erhielt er die Schreckensnachrichten
von den verfolgten Glaubensbrüdern aus der französischen
Heimat. Das erschwert, schlicht gesagt, die Entwicklung von
Toleranzgedanken.
Johannes Calvin galt zeitlebens als „strenger“ Reformator.
Können Sie in Ihrem Buch seinem Leben und Wirken auch
heitere Seiten abgewinnen?
Humor gehörte bestimmt nicht zu Calvins Stärken.
Besonders in den letzten Lebensjahren hat er einem kranken
Körper eine gewaltige Arbeitsleistung abgerungen. Da
war es dann wohl noch schwerer, ihn lachen zu sehen. Aber
Calvin hat durchaus Emotionen gezeigt. So hat er eine Frau
gefunden, mit der er sehr glücklich war. In seinen Briefen
spricht er nicht über seine Liebe zu ihr. Erst als sie
nach acht Jahren Ehe starb, hat er in ergreifenden Worten
seine ganze Verzweiflung einem Freund gegenüber zum
Ausdruck gebracht: „So furchtbar schwer mir auch der
Tod meiner Frau war, so suche ich doch, so gut ich kann,
meine Traurigkeit zu überwinden. ... Du kennst die Empfindlichkeit
oder besser Weichheit meines Herzens. Deshalb, hätte
ich mir nicht gewaltsam Mäßigung auferlegt, ich
stünde nicht mehr aufrecht bis jetzt. Genommen ist mir
die beste Lebensgefährtin.“
Das Interview führte die Pressestelle der
Landeskirche
Der Eintritt zu der Lesung mit Prof. Dr. Christoph
Strohm am Donnerstag, 19. Februar, 18 Uhr, im Lesesaal
der Bibliothek und Medienzentrale (BMZ) in Speyer, Roßmarktstraße
4, ist frei. Die BMZ hat ein Themenheft „Johannes
Calvin und der Calvinismus“ erstellt. Es gibt Auskunft über
neuere und neueste Literatur und audiovisuelle Medien
der BMZ. Das Themenheft ist in der BMZ erhältlich
und ist bei www.kirchenbibliothek.de unter „Themenhefte
und Neuerwerbungen“ eingestellt. BMZ-Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr sowie Montag, Dienstag
und Donnerstag von 14 bis 16 Uhr. Weitere Informationen
im Internet
unter www.kirchenbibliothek.de .
Bilder: Dr. Christoph Strohm, Kirchenhistoriker und
Professor für Reformationsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte
an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg,
© Landeskirche der Pfalz.
Nicht
näher bezeichnetes Porträtbild des Reformators Jean Calvin
bei Wikimedia Commons.
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