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Ökologie & Natur
Schaderreger in Feld und Wald: Sind Tendenzen
durch die vorhergesagten Klimaveränderungen erkennbar?
Wissenschaftler diskutieren während der 56. Deutschen
Pflanzenschutztagung in Kiel einzelne Aspekte
Die Landwirtschaft hat sich weltweit verändert. Der globale
Handel oder der sich ändernde Anbau stellen für die nächsten
Jahrzehnte enorme Herausforderungen dar. Denn Kulturpflanzen
werden außer für die Ernährung verstärkt als Energiepflanzen
oder nachwachsende Rohstoffe angebaut. Dazu kommen die prognostizierten
mittel- und langfristigen Veränderungen des Klimas in Mitteleuropa.
Auf der 56. Deutschen Pflanzenschutztagung, die vom 22. -
25. September in Kiel stattfand, zeigten mehrere Beiträge,
welche Rolle das Thema im Bereich des Pflanzenschutzes spielt.
Wie muss auf Krankheitserreger und Schädlinge reagiert werden,
die seit einigen Jahren witterungsbedingt verstärkt auftreten
oder erstmals aufgetreten sind. Dazu kommen die steigenden
Risiken infolge eingeschleppter Schaderreger.
Der Weltklimarat
(IPCC) sagt bis 2050 einen Temperaturanstieg zwischen einem
und 2,5 Grad Celsius voraus. In Norddeutschland zum Beispiel
sollen die Winter milder und feuchter und die Sommer wärmer
und niederschlagsärmer werden. Die Universität Kiel beobachtete
verschiedene Krankheitserreger an Weizen- und Zuckerrübenkulturen
über drei Jahre in verschiedenen Bundesländern. Prof. Joseph-Alexander
Verreet führt für Weizenpathogene aus, dass die jetzigen Infektionsbedingungen
in warmen Regionen Nordrhein-Westfalens bereits gute Hinweise
darauf geben, wie beim Anbau gleicher Sorten und der Infektion
der gleichen Erreger die Situation in dem kühleren Schleswig-Holstein
in Zukunft aussehen kann. Er macht aber auch deutlich, dass
Faktoren wie zukünftige Anbausysteme oder die Veränderungen
des Sortenspektrums und, nicht zu vergessen, die Anpassungsfähigkeit
der Schaderreger, die Situation auf dem Feld auf die gleiche
Weise oder mehr beeinflussen können. Die prognostizierten
Klimadaten werden in Norddeutschland unsere Kulturpflanzen
schneller wachsen lassen, so Verreet. Krankheitserreger wie
Roste, Drechslera-Blattfleckenerreger, Netzflecken-Krankheit
oder Cercospora beticola, die höhere Temperaturen und Niederschläge
mögen, werden vermehrt auftreten. Hingegen wird die Bedeutung
solcher Pilzkrankheiten im Verlauf einer Vegetationsperiode
im Vergleich zu heute abnehmen, die sich vor allem bei hohen
Niederschlägen und hohen Luftfeuchten gut vermehren (Beispiel:
Septoria tritici, Rhychosporium secalis, Phytophthora infestans). Insgesamt
fördert der Temperaturanstieg wärmeliebende Schädlinge wie
den Maiszünzler, Maiswurzelbohrer, Kartoffelkäfer, die Fritfliege
(mehrere Generationen möglich), Brachfliege (hohe Frühjahrstemperaturen
beschleunigen die Larvenentwicklung) oder Blattläuse. Feuchteliebende
Schädlinge werden abnehmen. 93% der Unkräuter in Europa stammen
aus dem mediterranen oder südost-asiatischen Raum. Eine Klimaerwärmung
begünstigt die Verunkrautung unserer Äcker und Wiesen, da
die Unkräuter einen Konkurrenzvorteil haben. Wärmeliebende
und schnell wachsende Arten wie Gänsefuß, Melden, Wolfsmilchgewächse,
Schwarzer Nachtschatten oder Franzosenkraut werden gefördert. Für
Norddeutschland sieht Verreet dennoch keine Gefahr. Sollten
die prognostizierten Klimabedingungen eintreten, können die
Pflanzenkrankheitserreger und Schädlinge (Pilze, Bakterien,
Viren, Insekten) der Kulturpflanzen wie auch die Unkrautpopulationen
mit den zur Verfügung stehenden und sich ständig weiterentwickelnden
Bekämpfungsmaßnahmen der Phytomedizin auch in Zukunft gut
kontrolliert werden. Ein deutsch-italienisches Kooperationsprojekt
vergleicht Krankheitserreger ebenfalls an zwei klimatisch
unterschiedlichen Standorten. Untersucht wurden der an der
Esskastanie vorkommende Esskastanienrindenkrebs (Cryhonectria
parasitica) und die Tintenkrankheit. Beide Erreger sind in
Italien längst etabliert und verbreitet, in Deutschland aber
gerade erst im Kommen. Der Forstspezialist Dr. Jörg Schumacher
vom Julius Kühn-Institut prognostiziert: "Mit sich verändernden
Klimaverhältnissen verändern sich auch die Beziehungen zwischen
einem Wirt und seinem Parasiten. Kritisch wird es, wenn wie
beim Eichenprozessionsspinner die Parasiten nicht nur die
Bäume schädigen, sondern dem Menschen Schaden zufügen können,
meist in Form von Allergien". So trat 2006 die Rußrindenkrankheit
erstmals in Deutschland an Berg-Ahorn auf. Besonders während
sehr trockener und heißer Sommerperioden wie in den Jahren
2003 und 2006 kann die Krankheit ausbrechen. Der Verursacher,
der imperfekte Pilz Cryptostroma corticale wurde zuerst in
Karlsruhe nachgewiesen. Inzwischen gibt es Berichte aus dem
Raum Leipzig, Dresden und Grießheim bei Darmstadt. Die von
dem Pilz massenhaft gebildeten Sporen können beim Menschen
gesundheitliche Schäden in den Lungenbläschen (Alveolitis)
hervorrufen. Über den Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea
processionea L.) berichtete die Presse bereits ausführlich.
Er hat sich in den letzten 15 Jahren räumlich stark ausgebreitet.
Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg
sieht einen klaren Zusammenhang zwischen den durchschnittlichen
Jahrestemperaturen in Südwestdeutschland und der Zunahme dieses
Schmetterlings. Wissenschaftler der Universität Bonn untersuchen
den Infektionsprozess des Erregers der Schwarzfäuleerregers,
Guignardia bidwellii, bei unterschiedlichen Temperaturen und
Sorten. Die Schwarzfäule breitet sich seit 2003 verstärkt
an Mosel, Nahe und Mittelrhein aus. Es ist ein deutlicher
Trend zu erkennen, dass sich der Erreger mit höher werdenden
Temperaturen vom Süden Europas in nordöstliche Richtung ausbreitet. Prof.
Hartmut Balder von der Technischen Fachhochschule Berlin führt
in seinem Vortrag aus, dass in den Zentren der Städte mit
erhöhten Temperaturen, geringer Luftfeuchte und turbulenten
Windeffekten schon heute klimatisch andere Bedingungen herrschen. Anhand
der Klimadaten des Weltklimarates sowie den aufgezeichneten
bekannten Wetterdaten zeigten Wissenschaftler der ZEPP (Zentralstelle
der Länder für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme
im Pflanzenschutz) und des Potsdam-Instituts für Klimaforschung,
dass heute verwendete Modelle zur Prognose von Krankheiten
und Schädlingen auch als Simulationsmodelle für Klimaveränderungen
und schnelle Wetterwechsel eingesetzt werden können. Prognosemodelle
für Schaderreger leisten bei den künftigen Herausforderungen
einen Beitrag zur Sicherung der Erträge.
Dr. Gerlinde Nachtigall, Pressestelle, Julius Kühn-Institut,
Braunschweig
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