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Schwetzinger Mozartfestspiele 2008
Mozart: Cosi fan tutte
Liebesbeweise und Liebesprüfungen stehen im Mittelpunkt
dieser Opera buffa, zu der Lorenzo da Ponte das Libretto und
Mozart die Musik schrieben. Die Schwetzinger Mozartgesellschaft,
für die die Nachwuchsförderung schon immer ein besonderes
Anliegen war, verknüpfte die Förderung junger Künstlertalente
mit dem Anspruch, auch junge Zuhörer für den Konzert- und
Opernsaal zu begeistern. Das Ergebnis ist nicht einfach eine
Neuinszenierung, sondern das ehrgeizige Projekt einer Neufassung
- zumindest der verbindenden Rezitative. Dass Mozart auch
2008 noch aktuell ist, zeigt sich in der Neu-Übersetzung
und Übertragung der Texte in eine zeitgemäße
Sprache. Fernab von einer effekthaschenden Vulgarität,
wie man schnell feststellt. Die Musik dazu verknüpft
mozart'sche Tonalität mit zeitgenössisch verfremdeter
Klangauffassung. Hier zeigt sich die Kreativität der
Kompositionsstudenten aus den Klassen von Prof. Dr. Sidney
Corbett (Musikhochschule Mannheim) und Prof. Jörn Arnecke
(Musikhochschule Hamburg), die nicht nur die Neufassung der
Rezitative leisteten, sondern auch die Um-Instrumentierung
auf das kammermusikalische Sextett des Orchesters.

Eingangsszene der Schwetzinger Inszenierung von Cosi fan
tutte
Die Oper wurde unter der Leitung des Jung-Regisseurs Sebastian
Hirn, Jahrgang 1975, durch ein eigens für diese Auführung
zusammengestelltes Team von professionellen Sängerinnen
und Sängern auf die Bühne des Rokokotheaters gebracht
- ohne jeden Schnörkel im Bühnenbild. Eine puristische
Kasten-Bretterwand empfängt den Besucher, die Sänger
sitzen auf sechs davor gestellten Bürostühlen. Die
Wand ist Projektionsfläche für Video-Aufnahmen der
Aufführung selbst - ein deutlicher Bezug auf das "Spiel",
das hier gespielt wird. In die Spielfläche hinein eingebettet
ein nur kammermusikalisch besetztes Orchester, das den Eindruck
einer kleinen, Mozart-Zeit-genössischen Aufführung
vermittelt. Statt des Abschieds-Chors der verschworenen Liebhaber
allerdings dann das Lärmen von Hubschraubern, während
dessen die Schauspieler die Bretterwand abmontieren und der
Blick auf die Küche als Szenenaufbau des zweitens Teils
des ersten Akts frei wird.
Durchweg ein Genuss sind die - italienisch gesungenen - Arien
und Duette, die dem Original folgen. Dass die Akteure nicht
im Authentizität vortäuschenden Rokoko-Kostüm
agieren, kann heute niemanden mehr enttäuschen, dafür
hat sich die Opernszene längst von denkmal-konservatorischen
Vorstellungen gelöst. Dass ihre "moderne" Sprache
nicht banal daher kommt, zeugt vom hohen künstlerischen
und ästhetischen Anspruch der Regisseurs und der Kompositeure.
Das passt einfach zur ebenfalls aus den Zwängen des Klassischen
befreiten Begleitmusik. Hier wird sich kaum ein empörter
Aufschrei von Mozart-Konservatoren rechtfertigen lassen. Nur
vereinzelt dann auch die Buhrufe während der Premiere,
und nur wenige Zuschauer verließen den Saal im Vollgefühl
ihrer Empörung.

In der Küche: Fiordiligi (Wiebke Huhs) und Dorabella
(Susanne Wiencierz) wehren (noch) empört die verkleideten
Geliebten und ihre Annäherungsversuche ab, während
die sexy Zofe Despina (Claudia Rometsch) sich am Vorratsschrank
zu schaffen macht.
Empörung über die Provokation, Mozart so zu verhunzen?
Sicher war Mozart selbst ein Provokateur - insofern werden
weder Mozart noch seine Musik verunstaltet. Zeitgenössische
Musik will eben nicht "nur schön" sein, will
nicht "gefallen". Und die Aufführung lebte
zum Teil aus dem harten Kontrast zwischen den Arien und Duetten
im "göttlichen" Stil des Komponisten und der
harten Realität der Rezitative. Harte Realität auch
das Bühnenbild des zweiten Akts, in dem sich die Aktuere
zwischen aufgetürmten Müllsäcken - dem Müll
ihrer eigenen Beziehungsfähigkeit - bewegten. Del Pontes
Libretto - eigentlich mehr als eine "glatte Geschichte"
um Liebe und Liebelei. Es lässt sich wirklich, das hat
der Regisseur deutlich herausgearbeitet, mühelos mit
dem kleinen alltäglichen Beziehungchaos von heute verknüpfen.
Hier allerdings das Versöhnungsfinale in eine konfliktbereitere
Lösung umzuarbeiten hätte mit Mozart dann nur noch
wenig zu tun gehabt.
Wohltuend in der Tat die Besetzung. Die Sängerinnen
und Sänger - Wiebke Huhs als Fiordiligi (Sopran), Susanne
Wiencierz als Dorabella (Mezzosopran) und Claudia Rometsch
als verführende Despina (Sopran), dann Danilo Tepsa als
Ferrando (Tenor), Hinrich Horn als Giglielmo (Bass-Bariton)
und schließlich Till Bleckwedel als zynischer Don Antonio
(Bass-Bariton) - brillierten durch klare Stimmen, auch in
schwierigeren Passagen der Oper. Sie sangen nicht nur, sie
spielten ihre Rollen auch durchweg authentisch. Und stimmgewaltig
die wunderbaren Final-Tutti des ersten und zweiten Akts.
Dass nun allerdings die "beklemmende Aktualität" des Librettos,
die der Regisseur sieht, wirklich vermittelt wurde, sei dahin
gestellt. Es ist ihm zweifellos gelungen, den Bogen von Mozart
zu heute zu schlagen, nicht nur ihm Bühnenbild (das ist
fast üblich, das zeigt der Blick auf andere Aufführungen),
sondern auch in der Handlungsregie. Einflüsterungen,
Sehnsüchte, Eifersüchte, auch der kaltschnäuzige
Chauvinismus Don Antonios, das alles ist banaler Alltag und
wird doch erst durch Musik und Bühne wieder ins Bewusstsein
gerückt. Aber gehört auch das Unter-den-Teppich-Kehren
des Konflikts um Liebe, Treue und Bewiesen-haben-wollen zur
"beklemmenden Aktualität"?
Und was hat es mit dem Anspruch, Mozarts Musik durch die
Neufassung auch jungen Zuhörern nahe zu bringen, auf
sich? Da sind zum einen die Rezitativ-Texte, die vom Staub
des 18. Jahrhunderts befreit sind. Dann sind da aber vor allem
Kleidung und Auftreten der Darsteller, die die Oper so richtig
"aus dem Leben gegriffen" erscheinen lassen. Fiordeligi
trägt ein Sweatshirt, das ihr immer über die Schulter
zu gleiten droht, Dorabella liebäugelt zwar mit der Webpelz-Jacke,
erscheint aber die meiste Zeit halb angezogen und im Bademantel.
Despina schließlich gibt sich die meiste Zeit über
als sexy Girl, ihr Outfit ist nur nicht das der Putze, die
sie vorgibt zu sein, eher das der körper- und sexbetonten
Verführerin. Nur Don Antonio, der "Herr", tritt
die ganze Zeit über in Anzug und Krawatte auf. Für
ihn sind eben auch die Verführung und die Wette ein Geschäft.
Samstag, 20. September,
Sonntag, 21. September 2008, jeweils 19.00 Uhr
Rokoko-Theater Schloss Schwetzingen
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