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Dossier: Kunstausstellungen im Land
und in der Nachbarschaft
VENEDIG
Von Canaletto und Turner bis Monet
Fondation Beyeler, Riehen
28. September 2008 – 25.
Januar 2009
Seit ihrer Gründung vor elf Jahren hat sich die Fondation
Beyeler in ihren Sammlungspräsentationen und Wechselausstellungen
auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts konzentriert.
Von Anfang an war sich die Fondation jedoch bewusst, dass
die Kunst der Moderne keine creatio ex nihilo ist. Vor diesem
Hintergrund ist zum Beispiel die 2001 gezeigte Ausstellung »Ornament
und Abstraktion« zu verstehen, welche die künstlerischen
Hervorbringungen der Moderne in einen historischen Kontext
gerückt hat. Ein anderes Beispiel ist die 2004 in Zusammenarbeit
mit dem Kunsthistorischen Museum Wien entstandene Ausstellung »Francis
Bacon und die Bildtradition«, die der Auseinandersetzung
eines prototypischen Künstlers der Moderne mit der abendländischen
Malerei gewidmet war. In der Ausstellung hingen an den purpurfarbenen
Wände der Fondation zwischen den Bildern von Francis
Bacon erstmals Gemälde alter Meister wie Tizian, Velázquez
und Rembrandt.
Die Ausstellung »Venedig. Von Canaletto und Turner
bis Monet« geht noch einen Schritt weiter. Sie setzt
im 18. Jahrhundert mit der Vedutenmalerei Canalettos und
Francesco Guardis ein und spannt einen Bogen bis zur Bilderfolge,
die Claude Monet 1908 in Venedig gemalt hat. Auf diese Weise
entwirft die Ausstellung am Beispiel von zwölf europäischen
und amerikanischen Künstlern erstmals ein Panorama der
bildkünstlerischen Repräsentations-formen, die
Wegbereiter und frühe Vertreter der Moderne in der Lagunenstadt
im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hervorgebracht haben.

John Singer Sargent:
Gondoliers' Siesta (Siesta der Gondoliere), um 1904.
Aquarell, 35,6 x 50,8 cm.
Privatsammlung, Courtesy Adelson Galleries, New York
Es ist ein Panorama, das nahezu ohne venezianische Künstler
auskommt. Die epoche-machenden Venedigbilder des 19. und
beginnenden 20. Jahrhunderts sind von Künstlern aus
Nordeuropa und den USA gemalt worden. Canaletto und Francesco
Guardi waren im 18. Jahrhundert die letzten grossen venezianischen
Vedutenmaler gewesen, deren heitere und festliche Gemälde,
von denen einige der bedeutendsten Beispiele in der Ausstellung
zu sehen sind, das Venedigbild auch nach dem Untergang der
Serenissima nachhaltig geprägt haben.
Venedig, schon zur Zeit Canalettos und Guardis wohl die
am häufigsten verbildlichte Stadt, avancierte im 19.
Jahrhundert zu einem Kultort, an dem sich die Fantasie einiger
der grössten und wichtigsten Kulturschaffenden entzündete,
darunter Maler und Fotografen, Schriftsteller (George Sand,
Marcel Proust, Henry James, Thomas Mann) und Dichter (Lord
Byron, Rainer Maria Rilke), Musiker (Richard Wagner, Pjotr
Iljitsch Tschaikowsky, Frédéric Chopin) und
Philosophen (Friedrich Nietzsche, Georg Simmel). Die von
Künstlern und Intellektuellen geschaffenen »Bilder« sind
ein wesentlicher Grund dafür, dass Venedig mehr denn
jede andere Stadt eine »vorgeprägte« Erfahrung
ist. Das Venedigbild des 19. Jahr-hunderts wurde zunehmend
zu einem Palimpsest, auf dem sich unterschiedliche und stets
ambivalente Bilder überlagerten: Bilder der Macht und
des Untergangs, der Liebe und des Todes, der Schönheit
und der Vergänglichkeit, der Lebensfreude und der Melancholie.
Die Grundlage dieses neuen Venedigbildes hatte zu Beginn
des 19. Jahrhunderts Lord Byron mit seinen Gedichten und
Dramen gelegt. Seine schwärmerische Hingabe an Venedig,
verstanden als Allegorie des Zerfalls, teilte der englische
Maler William Turner. Die grossartigen Turner-Leihgaben der
Tate bezeugen eindrücklich, dass die die Realität
transzendierenden Bildfindungen des Malers denen des Dichters
in nichts nachstehen.
1874 hielt sich mit Edouard Manet erstmals ein früher
Vertreter der Moderne in Venedig zum Malen auf. Dieser Befund überrascht
umso mehr, als Manet und seine impressionistischen Weggefährten
als Verfechter einer selbstreflexiven »peinture pure« Bildgattungen
und Sujets aus dem Weg gingen, die mit einem sentimentalen
und literarischen »Überbau« befrachtet waren.
Solche Bildgattungen und Sujets waren die Domäne ihrer
Kollegen, die regelmässig in den Pariser und Londoner
Salons ausstellten. Von der Einzigartigkeit und Schönheit
Venedigs blieben jedoch auch einige der wichtigen frühen
Vertreter der Moderne nicht unberührt. Venedig zu malen,
hiess für Edouard Manet und James McNeill Whistler,
Odilon Redon und Paul Signac, mit eigenen Bildfindungen den
abgegriffenen bildkünstlerischen Stereotypen etwas Neues
entgegenzusetzen. Jeder der hier ausgestellten Künstler
entwickelte dafür auf der Grundlage seines bisherigen
Schaffens eine eigene Strategie.
Die Ausstellung vereinigt die herausragenden Werke der prominentesten
Vertreter der französischen und anglo-amerikanischen
Avantgarde, die in Venedig im späten 19. und frühen
20. Jahrhundert tätig waren. Sie führt zudem mit
John Singer Sargent und Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir
und James McNeill Whistler erstmals Künstler zusammen,
die sich seit frühen Jahren freundschaftlich verbunden
waren.
Der Schwede Anders Zorn, zu seiner Zeit ein international
gefeierter Maler, steht in unserer Ausstellung für die
Anziehungskraft, die das kosmopolitische Venedig der Jahrhundertwende
auf eine stetig wachsende Zahl gemässigt avantgardistischer
Künstler ausübte. Zur Attraktivität von Venedig
für die Künstler des »juste milieu« trug
die Biennale d’Arte bei, die 1895 erstmals ihre Tore öffnete.
Dieses neue Umfeld hatte auch eine inspiriererende Wirkung
auf die einheimische Kunstproduktion, wie in unserer Ausstellung
das Gemälde von Pietro Fragiacomo deutlich macht.
Ein neues Kapitel in der Mediatisierung der Lagunenstadt,
das nicht ohne Auswirkungen auf die zeitgenössische
Malerei blieb, hatte schon mit dem stetig wachsenden Stellenwert
der Fotografie in Venedig um 1850 eingesetzt. Die grosse
Zahl von Touristen stimulierte die Nachfrage nach fotografischen
Darstellungen der herausragenden Baudenkmäler und des
venezianischen »Volkslebens«, zumal Venedig um
1900 seine Raison d’être endgültig im Tourismus
gefunden hatte. Wir schätzen uns glücklich, dass
wir eine repräsentative Gruppe von frühen Venedigfotografien
aus der Sammlung Herzog, Basel, in die Ausstellung aufnehmen
dürfen.
Claude Monet widersetzte sich während vieler Jahre
einer Reise nach Venedig. Als er 1908 zum ersten (und letzten)
Mal in Begleitung seiner Frau Alice nach Venedig reiste,
war er 68-jährig. Nach zögerlichen Anfängen
ist selbst Monet der geheimnisvollen Faszination der »Seerosen-Stadt« (Paul
Morand) erlegen. Während zweier Monate hat er an mehreren
Orten in der Stadt Bilder angelegt, die er in den nachfolgenden
Jahren in seinem Atelier in Giverny vollendete. Im Frühjahr
1912 stellte er sie in der Galerie Bernheim-Jeune in Paris
aus. Einhundert Jahre nach ihrer Entstehung haben wir uns
vorgenommen, Monets venezianische Bilderfolge zu rekonstruieren,
die seit ihrer Erstpräsentation in Paris nicht mehr
vollständig zu sehen gewesen ist. Von heute aus betrachtet,
erweist sich Monets elegische Werkfolge als ein Abschied
vom Venedigbild einer Epoche, die zwei Jahre später
mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unwiederbringlich
zu Ende gegangen ist.
Die Ausstellung vereinigt rund 150 Werke, darunter 80 Gemälde,
50 Arbeiten auf Papier und 20 historische Fotografien. Leitmotive
der Ausstellung sind die berühmten Ansichten von Venedig,
wie jene der Piazza San Marco, des Canal Grande, der von
Palladio entworfenen Kirche San Giorgio Maggiore und der
Kirche Santa Maria della Salute.
Im Rahmen eines aussergewöhnlichen Engagements haben
sich mehr als 70 institutionelle und private Leihgeber in
Europa, den USA und Japan bereit erklärt, teilweise
selten gezeigte Meisterwerke zur Verfügung zu stellen,
und damit die Ausstellung in dieser Form überhaupt erst
möglich gemacht. Zu den wichtigsten institutionellen
Leihgebern gehören: das Museum of Fine Arts, Boston;
das Fitzwilliam Museum, Cambridge; das National Museum of
Wales, Cardiff; das Calouste Gulbenkian Museum, Lissabon;
die Tate, London; das Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid; die
Zornsamlingarna, Mora, Schweden; die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen,
Alte und Neue Pinakothek, München; das Metropolitan
Museum of Art, Solomon R. Guggenheim Museum und Brooklyn
Museum of Art, New York; das Chrysler Museum of Art, Norfolk;
das Philadelphia Museum of Art; das Pola Museum of Art, Japan;
das Shelburne Museum, Shelburne, Vermont; die Pinacoteca
Giovanni e Marella Agnelli, Turin; die Galleria Internazionale
d’Arte Moderna di Ca’ Pesaro, Venedig; die National
Gallery of Art und Hirshhorn Museum and Sculpture Garden,
Washington; die Akademie der bildenden Künste, Wien;
das Sterling and Francine Clark Art Institute, Williamstown,
Massachusetts; die Sammlung E.G. Bührle, Zürich.
Gastkurator der Ausstellung, die nur in der Fondation Beyeler
gezeigt wird, ist Martin Schwander.
Parallel sind als »Projekt« zeitgenössische
fotografische Arbeiten zum Thema Venedig von Vera Lutter
(1960) und David Claerbout (1969) zu sehen.
Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm mit unter anderem
einer Lesung von Donna Leon und einem Liederabend mit einem
Sängerensemble der Oper des Theater Basel begleitet
die Ausstellung.
Die Ausstellung zeigt Werke von Canaletto (1697–1768),
Francesco Guardi (1712–1793), J. M. William Turner
(1775–1851), James McNeill Whistler (1834–1903),
John Singer Sargent (1856–1925), Anders Zorn (1860–1920),
Edouard Manet (1832–1883), Pierre-Auguste Renoir (1841–1919),
Pietro Fragiacomo (1856–1922), Odilon Redon (1840–1916),
Paul Signac (1863–1935), Claude Monet (1840–1926).
Sie ist geöffnet täglich 10 - 18 h, Mittwoch bis 20 h.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hatje Cantz
Verlag, Ostfildern, mit einer kunst- und kulturhistorischen
Einführung
von Martin Schwander und neuen Forschungsbeiträgen
von Gottfried Boehm, Alan Chong, Anne Distel, Dario Gamboni,
Elaine Kilmurray, Bozena Anna Kowalczyk, Margaret F. MacDonald,
Christopher Riopelle, Giandomenico Romanelli, Ian Warrell
und Juliet Wilson-Bareau. Der Band, in dem alle in der
Ausstellung gezeigten Kunstwerke abgebildet sind, umfasst
224 Seiten mit 182 Abbildungen in Farbe, und kostet CHF
68.
Text: Fondation Beyeler, Riehen
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