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Dossier: Kunstausstellungen im Land
und in der Nachbarschaft
Saul Steinberg. Schrift in Bildern
Rundgang
Die Ausstellung „Saul Steinberg. Schrift in Bildern“ wird
im ersten Stock des Museums Tomi Ungerer – Internationales
Zentrum für Illustration gezeigt. Sie umfasst rund 135
Werke, Dokumente und Archivstücke.
Die Schau ist thematisch in sechs Abschnitte und elf Unterabschnitte
gegliedert und vermittelt einen breit gefächerten Überblick über
Steinbergs umfangreiches Oeuvre. Ergänzt wird der Rundgang
durch eine Gegenüberstellung mit anderen Illustratoren,
die eine kunstgeschichtliche Einordnung sowie einen Einblick
in das zeitgenössische Schaffen gestattet.
Drei in den Ausstellungsräumen gezeigte Filme vertiefen
das Thema:
Daniela Roman und Frédéric Fontaine: La ligne
Steinberg, AAPA, 2008, 26 Min.
Peter Kassovitz: Saul Steinberg, ORTF, 1966, 14 Min.
Steinberg, „Du côté de chez les Maeght“,
ORTF, TV-Sendung vom 10.07.1973, 14 Min.
musikalische Untermalung: „Portrait de Hitch“,
aus Alfred Hitchcocks Film Immer Ärger mit Harry, 1955,
Universal, von Bernard Herrmann, 2 Min.; Ausschnitt aus Violostries
von Bernard Parmegiani, 1964, INA-GRM, 2 Min.
Die Abschnitte der Ausstellung:
• Biografie
Meine Ausbildung verdanke ich den Familienalben, in denen
wir die Fotografien von Eltern, Onkeln und Tanten, Cousins
und Cousinen, Großeltern und Urgroßeltern bewunderten
(…). Diese Porträts waren meine ersten Inspirationsquelle.
(Saul Steinberg und Aldo Buzzi, Ombres et reflets, Paris,
Christian Bourgois Editeur, 2002, S. 15-16) Den Auftakt
der Ausstellung bilden Fotos von Freunden Steinbergs sowie
eine Reihe von Zeichnungen. Robert Doisneau, Irving Penn,
Stefan Moses und Inge Morath haben Steinberg porträtiert
und seine Arbeiten fotografiert.
Eine außergewöhnliche Leihgabe ist der Cadavre
exquis, der 1958 bei der Begegnung Steinbergs mit Picasso
entstand und vom Interesse des Zeichners für die Spiele
der Surrealisten zeugt.
• Cartoons
„
The New Yorker“ ist meine politische Heimat. Das ist
meine Pflicht. Hier bringe ich eine subversive politische
Meinung zum Ausdruck. (Saul Steinberg, Art in America, 1970)
Zu Beginn seiner Laufbahn arbeitete Saul Steinberg als Illustrator
für italienische Humorblätter wie Il Settebello
und Bertoldo. Seine damaligen Zeichnungen entsprachen dem
Zeitgeschmack und ähnelten stilistisch den Arbeiten
von Maurice Henry und Dubout. Nach der Emigration in die
Vereinigten Staaten arbeitete er ab 1941 für die berühmte
Zeitschrift The New Yorker. Sie war für ihre Cartoons
bekannt und hatte den Erfolg von Zeichnern wie Chas Addams,
James Thurber und Peter Arno begründet. Für den
New Yorker entwickelte Steinberg das One-line Drawing, die
aus einem einzigen Strich bestehende Zeichnung mit oder ohne
Bildunterschrift. Er variierte diese Technik durch das Einfügen
von Buchstaben, Zahlen und Symbolen, die regelrechte Bilderrätsel
ergeben, benutzte Farbe und Collagen. Steinberg schuf rund
800 Cartoons für den New Yorker. In der Ausstellung
sind neben dem Originaltitelblatt vom 6. Juni 1970 mit Steinbergs
Neuinterpretation von Millets Gemälde „L’Angélus“ verschiedene
Abwandlungen von Titelzeichnungen und Artikelillustrationen
zu sehen.
Unterabschnitte: Erste Cartoons, The New Yorker
• Schrift in Bildern und falsche Papiere
Unvermittelte, plötzliche Begeisterung, Wiederholungswahn:
Steinberg denkt an nichts anderes als an den Fingerabdruck,
sieht ihn überall, metaphorisch in tausend ebenso unerwarteten
wie plausiblen Formen: der schraffierte, runde Abdruck in
Pässen und auf Polizeiformularen wird Staffelei, Gesicht,
Landschaft, Wolke, Hügel usw. (Roland Barthes, All except
you, Paris, Galerie Maeght, Edition Repères, Collection
Edition d’art, 1983, S. 30) In den 40er-Jahren begann
Steinberg, auf ein und demselben Blatt unterschiedliche Grafikstile
auszuprobieren. Er suchte nach einer eigenen Kalligrafie: „Ich
bin ein zeichnender Schriftsteller“, pflegte er zu
sagen. Diese Experimente veranschaulicht in der Ausstellung
eine Serie von Zeichnungen mit verschiedenen Schraffuren,
Punkten, Linien usw.
Ähnlich ging Steinberg an das Thema „falsche
Papiere“ heran. Aus den Jahren des Exils nach 1940,
als der Künstler vor dem Faschismus in die USA flüchtete,
kannte Steinberg die Gier der Behörden nach Stempeln
und Fingerabdrücken. In abgewandelter Form fanden sie
als neue Motive Eingang in seine Bildsprache. Er fertigte
Stempel von Archetypen (stehender Mann, gehender Mann, Indianer
mit Speer, Frau usw.) und einfachen geometrischen Formen
an. Der Stempel wurde auch zu einem Mittel, mit dem Thema
Fälschung und falscher Schein zu spielen. Steinberg
begann, Diplome, Pässe, offizielle Schreiben und alle
möglichen behördlichen Dokumente zu zeichnen. Diese
Papiere schenkte er seinen Freunden und gestattete ihnen
damit zum Beispiel die Ausübung ihres Berufs: Maler
und Bildhauer (Giacometti), Fotograf (Henri Cartier-Bresson,
Sigrid Spaeth), Architekt (Le Corbusier).
Unterabschnitte: Schrift in Bildern, Falsche Papiere, Literatur
und Musik
• Metamorphosen
Eine Maske drückt aus, wie die Menschen wirken wollen,
was sie sein wollen. Man könnte das Leben des Menschen
in zwei Teile aufspalten: sein emotionales, körperliches,
intimes Leben und sein politisches und gesellschaftliches
Leben, in dem er anderen Menschen begegnet und ständig
in einer von ihm erwarteten Art und Weise auftreten muss.
Sie sollten immer das gleiche Gesicht und den gleichen Gesichtsausdruck
haben, damit die Leute, denen Sie begegnen, beruhigt sind.
Die Leute geraten in Panik, wenn Sie sich nicht mehr ähnlich
sehen, wenn Sie abnehmen oder zunehmen. (Saul Steinberg,
Le Masque, Texte von Michel Butor und Harold Rosenberg, Fotografien
von Inge Morath, Paris, Maeght Editeur, 1966, S. ungez.)
Ganz besonders fühlte sich Saul Steinberg von der enigmatischen
Poesie des Trompe-l’oeil angezogen. Für seine
falschen Papiere erreichte er in dieser Technik große
Meisterschaft. Oder er zeichnete Tuschgesichter auf verschiedenste
Alltagsgegenstände (Bänke, Lampen, Stühle,
Badewannen, Umzugskartons). In den 70er-Jahren interessierte
sich Steinberg auch für Trompe-l’oeil- Skulpturen,
die er als „Museumskarikaturen“ bezeichnet. Im
Trompe-l’oeil-Stil schuf er Tisch-Bilder auf Holz und
andere „falsche“ Gegenstände (Leica, Streichholz-
und Farbstiftschachteln), Zeichnungen und Collagen.
Steinbergs Masken aus Packpapiertüten sind weniger
dem Trompe-l’oeil oder der Karikatur als dem Sozialtypus
zuzurechnen: „Die Maske ist kein Porträt, sondern
eine Art Prototyp. Sie ermöglicht dem Träger, ständig
optimistisch auszusehen.“ (...) „Eine Maske drückt
aus, wie die Menschen wirken, was sie sein wollen.“ Diese
Illusion des äußeren Scheins greift er auch in
seinen Mensch-Tier- Metamorphosen auf. Die Katze, als Steinbergs
Lieblingstier häufig in seinen Zeichnungen anzutreffen,
nimmt oft menschliche Züge und Haltungen an.
Unterabschnitte: Trompe-l’oeil, Mensch-Tier, Masken
• Landschaften
Für mich als ehemaliges Kind ist es eine Ehre zu wissen, dass ich in meinem
Leben tatsächlich in Ländern, auf Ozeanen oder Flüssen war,
die ich dank Jules Verne auf der Weltkarte gesehen hatte. (Steinberg, Interview
mit Jean Frémon, Paris, Galerie Maeght Lelong, Repères, Cahiers
d’art contemporain, Nr. 30, 1986, S. 18).
Saul Steinbergs „Landschaften“ sind innere und äußere
Landschaften. Der Zeichner schöpfte seine Inspiration
aus seinen verschiedenen Umfeldern: dem seiner Jugendjahre,
als er in Italien Architektur studierte, dem seiner Reifejahre
in den Vereinigten Staaten und dem seiner vielen Reisen nach
Europa. Die Architektur war eines seiner wichtigen Schaffensthemen,
das durch die Freundschaft mit Le Corbusier weiter genährt
wurde. Sein Schwerpunkt war jedoch Amerika. In vielen Satirezeichnungen
hielt er auf der Straße und bei Cocktailpartys beobachtete
typische Figuren fest.
Sie zeugen von seinem kritischen Blick auf das Land. Den
Höhepunkt bildet das 1958 für die Weltausstellung
in Brüssel entstandene Wandbild „The Americans“,
eine Zusammenschau der amerikanischen Gesellschaft mit ihren
Stereotypen und Codes. Die Straßburger Ausstellung
zeigt die Reproduktion einer dieser Collagen: Downtown – Big
City. Ferner sind neben Originalzeichnungen Exemplare von
The New Yorker, Archivdokumente und von Saul Steinberg kreierte
Merchandisingprodukte zu sehen.
Unterabschnitte: Landschaften und Architektur, Design und
Interieurs, America
• Erben
Saul Steinberg galt den ganz Großen unter den Illustratoren,
wie Jean Bosc, Chaval und André François, als
unbestrittener Meister des Genres. Diese Künstler sind
mit drei knapp gezeichneten ausdrucksstarken Sittenszenen
vertreten, die ihre Vorliebe für absurde, ungewöhnliche
Alltagssituationen zeigen. Ronald Searle, Jean-Jacques Sempé und
Tomi Ungerer, die derselben Künstlergeneration angehören,
haben sich auf ähnlichen Gebieten der Illustration ausgezeichnet
und einen herausragenden Beitrag zur Druckgrafik der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts geleistet.
Eine Sonderstellung nimmt Pierre Etaix (geb. 1928) ein;
der Filmemacher, Zirkusmann und Zeichner praktiziert mit
Erfolg die Burleske und den visuellen Gag. Die neue Generation
von Zeichnern/Illustratoren vertreten Christian Antonelli,
Philippe Geluck und Serguei. Für ihren bissigen, satirischen
Blick auf die heutige Gesellschaft bedienen sie sich zum
Teil sehr unterschiedlicher Ausdrucksmittel; gemeinsam ist
den drei Künstlern die Vorliebe für klare Linien.
Museum
Tomi Ungerer - Internationales Zentrum für Illustration
27. November 2009 bis 28. Februar 2010
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