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Dossier: Kunstausstellungen im Land
und in der Nachbarschaft
Die Magie der Dinge.
Stilllebenmalerei 1500–1800 Kunstmuseum
Basel
7.
September 2008 bis 4. Januar 2009,
Tautropfen auf zarten Blütenblättern, Lichtreflexe
auf kostbarem Silbergeschirr, kandiertes Zuckerwerk in blau-weißen
chinesischen Porzellanschälchen, das weiche Gefieder
eines toten Singvogels, der fahle Ton eines Totenschädels – Stillleben
faszinieren bis heute durch den nahsichtigen Blick auf nicht
lebende, doch keineswegs leblose Gegenstände, die mit
malerischer Raffinesse wiedergegeben werden. Indes war die
Stilllebenmalerei alles andere als eine rein ästhetische
Angelegenheit, als die sie der heutige Betrachter meist wahrnimmt:
In ihr spiegelten sich nicht nur Vergänglichkeitsgefühl
und Erlösungsbedürfnis, sondern auch die Freude
an der bildlichen Darstellung von exotischen Handelswaren,
mit denen etwa die niederländischen Kaufleute ihr Vermögen
erworben hatten. Die Ausstellung, welche die hochkarätigen
Bestände des Städel Museums, des Hessischen Landesmuseums
Darmstadt und des Kunstmuseums Basel vereint, spannt mit über
90 Meisterwerken von Jan Brueghel d. Ä., Jan Davidsz.
de Heem, Willem Kalf, Rachel Ruysch, Abraham Mignon, Georg
Flegel, Jan Soreau, Gottfried von Wedigh und Sebastian Stosskopf
den Bogen der Stilllebenmalerei in den Niederlanden und in
Deutschland vom späten 15. bis ins späte 18. Jahrhundert.
Damit breitet sie ein Panorama der verschiedenen Spielarten
des Stilllebens aus, das die sachlich ausgerichteten Werke
des frühen 17. Jahrhunderts ebenso umfasst wie die späteren
Prunkstillleben, „Mahlzeiten“ ebenso wie üppige
Blumensträuße oder pittoreske Tierstillleben.

Jan Weenix (c. 1640/42-1719):
Toter Hase und Vögel, 1687. Ö
l auf Leinwand, 123,0 x 110,5 cm.
Bezeichnet links unten „J. Weenix. f 1687“.
Städel Museum, Frankfurt am Main.
Foto: Artothek
Seit seiner Emanzipation von der religiösen Malerei
des Spätmittelalters, wo Gegenstände ihre Bedeutung
in erster Linie als Symbole oder Attribute entfalteten, diente
das Stillleben zunächst vor allem der Erfassung und
Deutung der still liegenden Dinge aus der Alltagswelt des
Betrachters. In ihnen spiegelten sich die Ordnung und Struktur
der übergeordneten abstrakten Welt der Barockzeit: die
Sinne oder das jeweilige Temperament des Menschen etwa, die
Elemente oder die Jahreszeiten, die seine Welt prägten,
oder die Vergänglichkeit und Erlösungsbedürftigkeit
der sündigen Menschheit insgesamt.
Doch schon im 17. Jahrhundert fand im Stillleben auch die
wirtschaftliche Lebenswelt und Realität sowohl der Maler
als auch der Sammler und Auftraggeber ihren Niederschlag:
Dieselben Kaufherren und Investoren, die vor allem in den
Niederlanden den Aufstieg ihres Landes zur Handelsweltmacht
Nummer eins betrieben und exotische Handelswaren aus aller
Herren Länder nach Europa importierten, bestellten auch
Stillleben für die Dekoration ihrer Stadtpalais und
Landhäuser, auf denen die Quellen ihres Reichtums wie
exotische Gewürze, venezianisches Glas oder chinesisches
Porzellan abgebildet waren.
Durch die Konzentration auf einige wenige, oft gleich bleibende
Objekte konnte das Stillleben schließlich aber auch
zum idealen Experimentierfeld künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten
werden. Die anfangs so präsente inhaltliche Aufladung
vieler Stillleben trat nun zugunsten der malerischen Gestaltung
in den Hintergrund, ohne indes ganz fortzufallen. Gerade
in der hierarchisch als niedrig eingestuften Gattung des
Stilllebens mussten sich die spezifischen Fähigkeiten
des Künstlers zeigen, beruhten Reiz und Wert eines Werks
entscheidend auf der Komposition, der sinnreichen Zusammenstellung
der Gegenstände, dem überzeugenden Kolorit und
dem gekonnten Pinselstrich. So legen die Gemälde auch
Zeugnis ab von der Könnerschaft in der augentäuschenden
Wiedergabe unterschiedlichster Materialien und Oberflächen.
Verschiedenartige Beleuchtungen, von der gleichmäßigen
Helligkeit des Tages bis zum schwachen Schein einer einzelnen
Kerze, werden erprobt und für die Inszenierung mannigfaltiger
Situationen und Stimmungen nutzbar gemacht.
Am Beginn der Ausstellung, deren Anlage dem Besucher die
Entwicklungsgeschichte der Stilllebenmalerei zwischen 1500
und 1800 vor Augen führt, ihn aber auch mit den wichtigsten
Bildgegenständen und -typen vertraut macht, stehen die
Vorformen des Stilllebens an der Wende vom Mittelalter zur
Neuzeit. So illustriert die erste Abteilung den Prozess der
Emanzipation des Stilllebens vom symbolisch aufgeladenen
Beiwerk religiöser Gemälde zu einem Sujet eigenen
Rechts. Der folgende Abschnitt zum frühen autonomen
Stillleben um 1600 mit Jan Brueghel und Georg Flegel als
Hauptvertretern markiert durch eine Auswahl besonders hochkarätiger
Werke einen ersten Höhepunkt der Ausstellung. Bankettstücke
und Vanitas-Stillleben bilden die nächste Werkgruppe,
die in die Symbolik der barocken Bilderwelt, in ihr ganz
eigentümliches Changieren zwischen sinnlichem Reiz und
Mahnung an die Vergänglichkeit des irdischen Seins einführt.
Sichtbar wird die „Vanitas“, die Eitelkeit und
Nichtigkeit der Dinge, in den Bildern durch markante Symbole
wie den Totenschädel, die verlöschende Kerze oder
die Uhr als Sinnbild der verrinnenden Zeit.
Dagegen veranschaulichen die folgenden Abteilungen zum Fisch-
und Jagdstillleben sowie zu den Kartuschenbildern die hochgradige
Spezialisierung der Maler des 17. Jahrhunderts auf bestimmte
Gattungen, die ihnen, oft Monopolisten des jeweiligen Genres
in ihrer Stadt, auf dem Kunstmarkt strategische Vorteile
bot. Ganz der Prachtentfaltung, aber auch der Demonstration
feinmalerischer Virtuosität dient wiederum das Prunkstillleben,
für das in der Ausstellung in erster Linie die Namen
Jan Davidsz. de Heem und Willem van Aelst stehen, die beide
mit einer größeren Anzahl von Arbeiten vertreten
sind.
Dem 18. Jahrhundert ist das letzte Kapitel der Ausstellung
gewidmet, in dem vor allem die Werke Justus Junckers, der
etwa eine Birne in monumentaler Größe gleich einem
Denkmal auf einen Sockel hebt, das Thema der „Magie
der Dinge“ besonders treffend zum Ausdruck bringen.
Der große französische Stilllebenmaler Jean Siméon
Chardin ist gleich mit drei seiner meisterhaften Stillleben
vertreten, die mit wenigen lakonischen Pinselstrichen den
Objekten eine unglaubliche Präsenz verleihen und den
glanzvollen Schlusspunkt der Ausstellung markieren.
Künstler: Willem van Aelst, Pieter Aertsen, Abraham
van Beyeren, Peter Binoit, Jan Brueghel d. Ä., Jan Brueghel
d. J., Jean Siméon Chardin, Adriaen Coorte, Georg
Flegel, Jan Fyt, Willem Claesz. Heda, Jan Davidsz. de Heem,
Cornelis de Heem, David Cornelisz. de Heem, Hans Holbein
d. J., Justus Juncker, Willem Kalf, Jan van Kessel, Simon
Luttichuys, Jacob Marrel, Abraham Mignon, Pieter de Ring,
Ludger tom Ring d. J., Rachel Ruysch, Isaak Soreau, Peter
Soreau, Harmen Steenwijck, Sebastian Stoskopff, Jan van de
Velde, Jacob van Walscapelle, Gottfried von Wedig, Jan Weenix
u. a.
Eine Ausstellung des Städel Museums und des Kunstmuseums
Basel in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt,
unterstützt durch die L. und Th. La Roche-Stiftung.
Katalog: „Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800“,
Vorwort von Bernhard Mendes Bürgi und Bodo Brinkmann.
Beiträge von Julie Berger Hochstrasser, Gerhard Bott,
Ursula Härting, Stephan Kemperdick, Magdalena Kraemer-Noble,
Heidrun Ludwig, Fred G. Meijer, Jochen Sander, Sam Segal.
366 Seiten, mit farbigen Abbildungen, deutsche und englische
Ausgabe, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2008
Preis: 59.– CHF, ca. 38.– EURO
Text: Kunstmuseum Basel
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