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Dossier: Kunstausstellungen im Land
und in der Nachbarschaft
Von Rodin bis Giacometti. Plastik der
Moderne
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe,
28.11.2009 bis 28.2.2010
Mit über 100 Werken von rund 60 Künstlern gibt
die Staatliche Kunsthal-le Karlsruhe vom 28. November 2009
bis 28. Februar 2010 erstmals in Deutschland einen Überblick über
die Skulptur zwischen 1900 und 1945. Anstatt „Stilgeschichten“ zu
erzählen, werden in der Schau „Von Rodin bis Giacometti.
Plastik der Moderne“ markante Einzelwerke aus verschiedensten
Perspektiven in den Blick genommen. Die Ausstellung vereint
Skulpturen der wichtigsten Künstler jener Zeit, unter
anderem von Henri Matisse, Pablo Picasso, Constantin Brancusi,
Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst, Kurt Schwitters und Henri
Laurens. Museen in Paris, St. Paul-de-Vence, Venedig, Zürich,
und Prag trennen sich zeit-weilig von ihren Schätzen:
92 Leihgaben aus 50 Sammlungen tragen neben 15 Werken aus
dem eigenen Bestand zur Ausstellung bei. Sie knüpft
an die Schau „Von Houdin bis Rodin“ an, die 2007
in der Staatli-chen Kunsthalle Karlsruhe der französischen
Plastik des 19. Jahrhun-derts gewidmet war.
Die Metropole Paris hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts Künstler
aus ganz Europa angezogen und durch ihre Heimkehr zugleich
auf deren Länder zurückgestrahlt. So bezieht die
Ausstellung exemplarisch Werke aus Spanien und Italien, der
Schweiz, England, Holland, Russland, Polen, Tschechien, Rumänien
und mit Man Ray und Alexander Calder auch aus Amerika ein.
Durch die in zwölf Abteilungen gegliederte Aus-stellung
zieht sich als roter Faden das leibhaftige und emotionale
Ver-hältnis des Menschen zum Raum. Ihre Titel, etwa „Gesichter“, „Gebärde-figuren“ oder „Schock
und Charme der Dinge“, reflektieren die ungeheure
Vielfalt der modernen Plastik.
Die Ausstellung macht deutlich, dass sich die Plastik der
Moderne nicht wie im 19. Jahrhundert zeitverzögert gegenüber
der Malerei entwickelt hat. Sie prägte vielmehr – teilweise
von Malern besonders kühn voran-getrieben – die
Erneuerungsschübe der Kunst wesentlich mit. Im Zeitalter
der gegenstandslosen Kunst löste sich das uralte Bildhauer-thema
der menschlichen Figur keineswegs auf, sondern erweiterte
sich mannigfaltig. Doch bezogen die Künstler nun auch
den Raum als Bestandteil des Plastischen ein, der schließlich
in technisch und architektonisch anmutenden Gebilden zum
selbständigen Thema wurde.
An der Schwelle des 20. Jahrhunderts stehen Aristide Maillol,
Auguste Rodin, Paul Gauguin und Henri Matisse. Maillol gelang
noch einmal ein klassisch harmonisches Menschenbild. Es blieb
auch für die jüngere Generation eines Georg Kolbe,
Bernhard Hoetger oder Hermann Blumenthal eine Herausforderung
und wurde von Wilhelm Lehmbruck, Ernst Barlach und Käthe
Kollwitz mit existentiellem Pathos erfüllt.
Maillols älterer Kollege Rodin hatte der Plastik bereits
vor 1900 Dyna-mik und gesteigerten psychischen Ausdruck verliehen – ein
Impuls, der Umberto Boccionis stürmischen „Läufer“ ebenso
beflügelte wie später Max Beckmanns geballte Gebärdensprache.
Mindestens so folgenreich war Rodins Entscheidung, das Körperfragment
für das Ganze stehen zu lassen. Der Torso wurde durch
ihn zu einem der Leitmotive moder-ner Plastik.
Ähnlich prägend wirkte Gauguin, ohne dessen Hinwendung
zu For-mensprachen „primitiver“ Kulturen Amedeo
Modiglianis Köpfe ebenso wenig denkbar gewesen wären
wie die spröden Holzgestalten eines Heckel oder Kirchner.
Dagegen komprimierte Matisse die plastischen Werte fast bis
zur Abstraktion. Das gilt noch mehr für Constantin Brancusi,
dessen Drang zur Ursprünglichkeit zu Urformen führte.
Hans Arp gelangen mit seinen vollrunden Keimformen besonders
eindrückliche Metaphern des Lebendigen.
Als radikale Antwort auf die Abstraktion lässt sich
die Objektkunst begreifen. Marcel Duchamp löste Dinge
des Alltags aus ihrem Funkti-onszusammenhang und verlieh
ihnen durch Ausgrenzung künstleri-schen Rang. Das ließ sich
in solcher Konsequenz nicht steigern, inspi-rierte aber die
dreidimensionalen Experimente der Futuristen, Dada-künstler
und Surrealisten. Man Ray und Max Ernst sind in diesem Abschnitt
mit markanten Beispielen vertreten. So kehrte der Fetisch,
in der aufgeklärten Moderne vermeintlich überwunden,
durch die Macht der Verfremdung zurück.
Am Ende stehen die bedeutendsten Wegbereiter aus der jüngeren
Generation, die die Plastik nach 1945 prägen sollten,
ihre bahnbre-chenden Erfindungen aber bereits in den dreißiger
Jahren formuliert haben: Henry Moore verband Anregungen „primitiver“ Kulturen
und Naturformen mit der Reduktion organischer Körper.
Durch Hohlformen verschränken sie Körper und Raum.
Alberto Giacometti fand von surrealistischen Verfremdungen
und Rückgriffen auf archaische Gestal-ten zu einer beispiellosen
Gratwanderung. Nach zwei rätselhaft ein-drücklichen
Frauenfiguren der dreißiger Jahre schließt die
Ausstellung mit einem Ausblick auf sein neuerliches Naturstudium
und den Rück-zug ins kleine Format – Körper,
die sich im Raum aufzulösen scheinen und durch das Zugleich
von statischer Haltung und lebhafter Oberflä-che eine
unnahbare Präsenz gewinnen. Als Zeichen des winzigen
Ichs im Unfasslichen wurden sie zu Keimen eines existentiellen
Menschen-bildes, das nach 1945 der Vorherrschaft der gegenstandslosen
Kunst entgegentrat.
Text: SKK |