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Dossier: Kunstausstellungen im Land
und in der Nachbarschaft
Tony Cragg – Zeichnung und Skulptur
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, 14.2. bis 3.5.2009
Tony Cragg zählt zu den bedeutendsten Bildhauern der
Gegenwart. Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt vom
14. Februar bis 3. Mai 2009 mit rund 120 Arbeiten einen Querschnitt
des zeichnerischen Werks von Tony Cragg, das bis in die siebziger
Jahre zurückreicht und gut zwanzig Skulpturen des Künstlers,
die seit dem Jahr 2000 entstanden. Die Ausstellung wird sowohl
im Hauptgebäude als auch in der Rotunde der benachbarten
Orangerie stattfinden, die einen idealen Raum für eine
spannungsvolle Präsentation von Großskulpturen
darstellt.
1949 in Liverpool geboren, arbeitete Tony Cragg 1966 bis
1968 zunächst als Labortechniker in der Chemie-Industrie
und ging 1969 an das Gloucestershire College of Art, Cheltenham,
danach für drei Jahre an die Wimbledon School of Art
und von 1973 bis 1977 an das Royal College of Art nach
London. 1976 wurde er Professor an der École des
Beaux-Arts in Metz, 1978 erhielt er einen Lehrauftrag an
der Kunstakademie Düsseldorf, wo er von 1988 bis heute
eine Professur bekleidet. Von 2001 bis 2006 lehrte er zwischenzeitlich
an der Universität der Künste Berlin. Cragg war
mehrmals mit Werken bei der Biennale in Venedig vertreten
und repräsentierte Großbritannien dort 1988
im britischen Pavillon. In den Jahren 1972 und 1987 nahm
er an der documenta in Kassel teil. 1988 erhielt er den
Turner-Prize, 2001 den Shakespeare-Preis und 2007 den Praemium
Imperiale für Skulptur des japanischen Kaiserhauses,
der als Nobelpreis der Künste gilt. Tony Cragg lebt
und arbeitet seit 1977 in Wuppertal, wo er 2008 einen Skulpturenpark
mit eigenen Werken eröffnete.

Tony Cragg, Companions, 2008.
Fiberglas. ©
Charles Duprat,
Buchmann Galerie, Berlin
Sein plastisches Oeuvre, das anfänglich Impulse aus
der Auseinandersetzung mit der englischen Land Art und körperbetonten
Arbeitsmethoden aufnahm, zeichnet sich durch einen immensen
Reichtum an überraschenden Formerfindungen und -konstellationen
aus, die sich auch in den Zeichnungen widerspiegeln oder
dort anklingen. In den achtziger Jahren wurde der Künstler
für seine Installationen aus Plastik-Fragmenten berühmt,
die er mosaikartig zu farbigen Reliefs und Bodenarbeiten
arrangierte und mit denen er ästhetisch provokativ
Ikonen und Klischees der Gegenwart befragte.
Stapelung, Schichtung und Häufung – Strategien,
die er auch in Zeichnungen durch federnde Formwiederholungen
nachempfindet – waren damals und sind bis heute modifiziert
werkkonstitutive Verfahren, mit denen sich Cragg verschiedenster
vorgefundener Altmaterialien und Gebrauchsgegenstände
bemächtigte und sie überraschend umdeutete. Neben
der monumentalen Vergrößerung von Alltagsgegenständen
erarbeitete Cragg in den achtziger Jahren seine rein abstrakten „Early
Forms“, die sich als autonome Formgebilde aus einer
Haut entwickeln, die sich dramatisch einstülpt und ausbuchtet,
zu rasanten Kurven aufschwingt, sich dynamisch dreht, windet
und wiederum Gefäßhaftes in sich aufnimmt. Plastiken
von frappanter Geschmeidigkeit entstehen in dieser Werkgruppe
bis heute, die das Material scheinbar weich, ja beweglich
werden lässt. Tatsächlich weisen diese hüllenhaften
Wesen eine Art Körpersprache auf.
Diese ist auch für die „Rational Beings“,
Werke, die um die Jahrhundertwende entstehen, von besonderem
Belang. „Body Language“ heißen einige Plastiken
jener Jahre, die das Schlauch- und Hüllenhafte als Metapher
für den Menschen einsetzen. Wirbelsäulenstrukturen
waren in den neunziger Jahren produktive Ausgangskonstellationen
für die Entwicklung weiterer Werkreihen. Stelen erwachsen
in jüngerer Zeit vor allem auch aus Reihungen und Deformationen
von Gesichtern und Köpfen, die sich vielfach verzerrt
und wie in rotierender Bewegung im Raum entfalten. In der
Horizontalen vereinigen sich Köpfe, Gesichter mit geschlossenen
Augen und aus ihnen hervorgehende plastische Brückenformen
zu „Mental land-scapes“, Kopf- und Denk-Landschaften,
die sich visionär und traumverloren auffächern,
scheinbar sukzessive in Phasen festgehaltene Bewegungen in
die Skulptur überführen.

Tony Cragg, On a roll, 2003.
Bronze.
Cass Sculpture Foundation
Cragg selbst bezeichnet sich gerne als „Materialisten“,
der die Möglichkeiten seiner immer wieder neuen Werkstoffe
erforscht und zu erweitern sucht. Tatsächlich setzt
er sich in seinen Werken aus Glas, Holz, Kunststoff, Bronze,
Gips, Fiberglas, Aluminium und Stein aber auch mit Raum und
Zeit auseinander, mit Bewegung und Präsenz, mit Mikrostrukturen
und Makrozusammenhängen, mit dem, was Lebendigkeit
ausmacht.
Dabei kommt dem Begriff der Energie eine besondere Bedeutung
zu – auch für die Zeichnungen Tony Craggs. Die
Karlsruher Ausstellung vermittelt einen Eindruck davon, welche
Sujets – Landschaft, Figur und Stillleben –,
welche Bezüge zwischen Mikrostrukturen und Makro-Zusammenhängen
für das bildnerische Denken Craggs seit fast dreißig
Jahren eine zentrale Rolle spielen und wie er sie über
die Jahrzehnte hinweg verwandelt aufgreift, betrachtet, überformt,
verschränkt.
Zeichnung und Skulptur stehen sich in Craggs Schaffen weitgehend
autonom gegenüber – dennoch werden Vergleiche
zwischen beiden Sektoren möglich und damit Konstanten
sichtbar. Die Zeichnung mit ihren vibrierenden, rotierenden,
unnachgiebig den Umriss von Gegenständen verfolgenden,
ihn auflösenden Gesten lässt auch jene Dimensionen
erahnen, die Cragg nur in diesem Medium andeuten, sichtbar
machen kann: Welle und Teilchen, Partikel und Strahlung,
Schwingung, Strömung und das Geschehen im Zwischenraum
zwischen den Körpern, der erfüllt ist von unsichtbaren
Kräften.
Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet, der im
Dumont-Verlag erscheint und enthält Texte von Christa
Lichtenstern, Kirsten Claudia Voigt und Jonathan Wood. Das
Museum der Moderne in Salzburg übernimmt die Ausstellung
im Anschluss.
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