Als der letzte französische Monarch
am 9. Januar 1873 für immer die Augen schloss,
trug er der Überlieferung nach neben dem auf dem
Thurgauer Schloss Arenenberg 36 Jahre zuvor abgefassten
Abschiedsbrief seiner Mutter noch ein Dokument bei
sich, das ihn unmissverständlich als Schweizer
Bürger auszeichnete. Gibt es schönere Beweise
für die Anhänglichkeit eines Menschen an
seine Heimat?
Geboren am 20. April 1808 in Paris, lebte der spätere
französische Kaiser unter dem Namen Prinz Louis
Napoléon Bonaparte zwischen 1815 und 1817 in
Konstanz, dann in Augsburg, um ab 1823 seinen Hauptwohnsitz
endgültig an den Bodensee zurück zu verlegen.
Schloss Arenenberg im Kanton Thurgau bildete sein Elternhaus
und das nahe gelegene Konstanz diente ihm als „Residenzstadt".
Hier erfuhr er seine weitere Erziehung und vor allem
Prägung.
Längere Aufenthalte in Italien rundeten seine
Ausbildung im humanistischen Sinne ab. Seine Privatlehrer,
Philippe Le Bas und Narcisse Vieillard (letzterer mehr
väterlicher Freund), standen dem frühen Sozialismus
nahe und beeinflussten ihren Zögling entsprechend.
Nicht umsonst galt der sozialen Frage in Frankreich
später eines seiner Hauptaugenmerke . Während
seiner Studien in Rom kam der Prinz ein erstes Mal
mit den revolutionären Strömungen Europas
in Kontakt und beteiligte sich aktiv am so genannten
Carbonari-Aufstand, was seine Ausweisung zur Folge
hatte.
Ansicht
des Arenenbergs von Eugène Brunner-Lacoste.
Bild: Napoleonmuseum
Zurück am Bodensee beschäftigte er sich
erfolgreich als politischer bzw. militärischer
Schriftsteller und bereitete einen Putsch gegen das
französische Königreich vor. Obwohl er in
der Öffentlichkeit den „Dandy" spielte,
blieben seine dynastischen Träume den Großmächten
nicht verborgen. Sie ließen Schloss Arenenberg
und Konstanz intensiv überwachen. Weitsichtig
schrieb Fürst Metternich 1832 an den französischen
Gesandten in Wien: „Ich bitte Sie, den König
Louis Philippe auf die Persönlichkeit aufmerksam
zu machen, die auf den Herzog von Reichstadt folgen
wird. Am Tage, wo der Herzog die Augen schließt,
wird sich der junge Louis Bonaparte an die Spitze der
französischen Republik berufen fühlen." So
sollte es auch kommen:
1836 scheiterte ein erster Putschversuch des Prinzen
in Strassburg. Louis Napoléon wurde nach den
USA verbannt und knüpfte dort enge Kontakte zu
den teilweise noch heute maßgeblichen Familien.
Aufgrund der schweren Erkrankung seiner Mutter kehrte
er im August 1837 an den Bodensee zurück. Am 5.
Oktober 1837 starb sie in seinen Armen. Ende 1838 musste
der kaiserliche Thronanwärter auf militärischen
Druck Frankreichs hin seine Heimat verlassen. Voller
Melancholie schrieb er darüber aus dem folgenden
englischen Exil an die Mutter des Grafen Zeppelin: „Ich
bin so jung in Ihr Land gekommen, dass ich darin Wurzeln
geschlagen habe; ich könnte mich daher auch niemals
ganz verpflanzen und lasse wie ein abgehauener Baum
meine Wurzeln dort, wo ich Freunde zähle und wo
mich so viele liebe Erinnerungen festhalten."
Sein weiteres Leben gestaltete sich als spannender
Roman: Von England aus putschte er 1840 in Boulogne-sur-Mer
ein weiteres Mal erfolglos. Während seiner Haft
in der Festung von Ham bildete er sich als Autodidakt
weiter und publizierte fortwährend. 1846 gelang
ihm die erneute Flucht nach England. Zwei Jahre später
wählte ihn das französische Volk mit überwältigender
Mehrheit zum Präsidenten der Zweiten Republik.
Während seiner Regierungszeit konzentrierte sich
der „Prinzpräsident" auf die Außenpolitik
und bereitete einen weiteren Staatsstreich vor. 1851
löste er das Parlament auf und ließ politische
Gegner verhaften. Eine neue Verfassung, die ihm diktatorische
Vollmachten verlieh, wurde per Plebiszit angenommen.
Ebenso die ein Jahr später erfolgende Proklamation
des zweiten Kaiserreiches.

Franz Xaver Winterhalter: Portrait Napoleon
III., 1852. Napoleonmuseum
In den ersten zehn Jahren seiner Regentschaft eilte
er innen- wie außenpolitisch von einem Erfolg
zum anderen. Es gelang Napoleon III. sein Vaterland
aus der Isolation des Wiener Kongresses politisch,
industriell und kulturell wieder an die Spitze Europas
zu führen. Friedenskongresse, Sozialgesetzgebung,
Umbau von Paris, Förderung der Eisenbahn, Weltausstellungen
und ... und ... und, trotz der starken Repressalien
gegen die Opposition blickte jedermann ehrfürchtig
nach Paris.
Schwieriger gestaltete sich die zweite Phase seiner
Regierung, auf die seine Frau, Eugénie de Montijo,
starken Einfluss ausübte. Das Kaiserreich verlor
u.a. durch den gescheiterten Versuch, in Mexiko ein
Kaiserreich zu errichten, auch im eigenen Land erheblich
an Prestige. Während der stark erkrankte Napoleon
III. Liberalisierungsversuche unternahm, stand die
Kaiserin solchen Bemühungen hauptsächlich
ablehnend gegenüber. Sie sah in einer bewaffneten
Auseinandersetzung mit Preußen die einzige Chance,
ihre Monarchie zu stützen. Die von Bismarck redigierte „Emser
Depesche" musste also zur französischen Kriegserklärung
führen.

Dedreux, Alfred:
Reiterbildnis Napoléon
III., 1858. Paris, Musée de l'Armée.
Wikimedia Commons
Am 1. September 1870, ca. sechs Wochen nach Ausbruch
der Kampfhandlungen, stellte Napoleon III. während
der sog. Schlacht von Sedan sein persönliches
Schicksal hinter das seiner ca. 80.000 Soldaten und
rettete ihnen damit das Leben. Wohl wissend, dass dieser
Schritt das Ende seiner Regierung bedeutete, kapitulierte
der Kaiser und ging in preußische Internierung
nach Kassel. Damit verhielt er sich als verantwortungsbewusster
Offizier, so wie es ihm einst in der badischen und
Berner Armee beigebracht worden war.
„Chapeau", „Hut ab" geht einem
durch den Kopf, vor allem, wenn man bedenkt, dass die
deutsche und französische Geschichte voll von
Männern ist, die leider diese Größe
nicht besaßen. Darunter zählt übrigens
auch sein Onkel, Napoleon I. der die ihm anvertrauten
Soldaten gleich dreimal (bei den Pyramiden, an der
Beresina sowie in Waterloo) im Stich ließ und
sich lieber nach Frankreich absetzte. Paradoxerweise
gilt er bis heute als der „Grosse", während
seinem Neffen immer noch der Makel des „Kleinen" anhängt.
Auf Sedan folgte in Paris ein Umsturz und zwang Eugénie,
die schöne Regentin, mit „Loulou",
dem gemeinsamen Sohn, nach Großbritannien zu
fliehen. Die Dritte Republik etablierte sich. Sie war
es, die den ohnehin verlorenen Krieg sinnlos weiter
führte und deshalb auch die Abtrennung von Elsass-Lothringen
hinnehmen musste.
Napoleon III. bereitete währenddessen von Kassel
aus seine Rückkehr an den Bodensee vor und ließ Schloss
Arenenberg modernisieren. Praktisch am Tag seiner Abreise
entschied er sich aus bisher ungeklärten Gründen
um und wählte erneut England als Exil. In der
durchaus realen Hoffnung, die stark angeschlagene Dritte
Republik durch einen weiteren Putsch zu beseitigen
und den Thron wieder zu besteigen, liess er sich dort
an seinem verschleppten Blasen- und Nierenleiden operieren.
Der Eingriff misslang, Napoleon III. starb am 9. Januar
1873.
Im Urteil der modernen Geschichtsschreibung
Wäre Napoleon III. zu Beginn des Jahres 1870 gestorben,
gälte er wahrscheinlich als einer der erfolgreichsten
Staatsmänner Frankreichs. Immerhin gab es niemanden,
der nach Ludwig XIV. länger und vielleicht auch
erfolgreicher regierte als er! Seine Gegner schmähten
ihn als „Napoléon le petit" oder
geißelten seine Regierung gerne als „Operettenmonarchie" und
selbst Proteges, wie General Emile-Félix Fleury,
meinten nach dem Untergang in ihren Memoiren: „Völlig
egal, wie haben uns köstlich amüsiert" .
Johannes Willms, ein ausgewiesener Kenner der Epoche,
beschreibt die Problematik in seiner jüngst erschienen
Biografie des Kaisers treffend: „Kein Bild eines
anderen Herrschers schwankt [...] von der Parteien
Hass und Gunst verzerrt derart in der Geschichte, wie
das von Napoleon III. [...] Der schmähliche Untergang
des Zweiten Kaiserreichs hat allzu lange die großen
und dauernden Verdienste dieses Regimes verdunkelt,
das nicht nur die Grundlagen für die Modernisierung
Frankreichs schuf [...]. Gegen die Revolution, deren
unkalkulierbare Folgen er fürchtete, setzte Napoleon
III. deshalb immer auf Reformen, die einen kontrollierbaren
Fortschritt zu generieren versprachen. Um das Gelingen
dieses Konzepts zu gewährleisten, verschrieb er
sich einem gleichermaßen autoritären wie
behutsamen Vorgehen, dessen Umsetzung angesichts der
schieren Komplexität der Aufgabe notwendigerweise
von einer Fülle von Widersprüchen gekennzeichnet
war. Diese nicht nur auszuhalten, sondern auch produktiv
zu überwinden, war eine Herauforderung, die jedoch
selbst die Fähigkeiten eines Napoleon III. übersteigen
musste. Ungeachtet seines Scheiterns gelang ihm dennoch
die Lösung des Grundsatzproblems, das der französischen
Politik seit 1789 zu schaffen machte. Allein deshalb
kann er als einer der großen Staatsmänner
Frankreichs gelten, der in seiner Bedeutung dem glorifizierten
Onkel, Napoleon I., durchaus nahe kommt."
Was macht Napoleon III. interessant?
Kaum ein Monarch vor und nach ihm besaß solch
vielseitige Talente und Anlagen wie Napoleon III.:
Künstler, Schriftsteller, Gartenbauer, Politiker,
Dandy und natürlich leidenschaftlicher Politiker.
Von seinen Biografen völlig unbeachtet, verbrachte
er 23 Jahre, die längste zusammenhängende
Zeit seines Lebens, im deutschsprachigen Raum. Obwohl
er sich immer als Franzose verstand, prägte ihn
diese Zeit entscheidend. Deutsch oder besser „Alemannisch" entwickelte
sich zu seiner eigentlichen Muttersprache. Noch in
seiner Zeit als Kaiser warfen ihm Kritiker vor, er
spreche Englisch mit einem französischen, Französisch
mit einem deutschen und Deutsch mit einem alemannischen
Akzent. Direkt nach Attentaten - und er musste einige
erdulden - sprach er für kurze Zeit zunächst
auch Deutsch, bis sich die Aufregung gelegt hatte.
Was für ein Skandal! Der Kaiser sah das anders
und setzte diese Fähigkeit gerne zu diplomatischen
Zwecken ein (er beherrschte auch italienisch fließend).
Auf Staatsempfängen verständigte er sich
mit seinen Gästen liebend gerne in deren Landessprache.
Sehr zum Schrecken seiner Minister übrigens, die
meist nicht verstanden, was ihr Souverän gerade
aushandelte.
135 Jahre nach seinem Tod befasst sich die Arenenberger
und Konstanzer Ausstellung erstmals in einer umfassend-kritischen
Retrospektive mit seinem Leben. Dominik Gügel
und Christina Egli vom Napoleonmuseum Thurgau beschäftigten
sich über drei Jahre intensiv mit den reichlich
vorhandenen Quellen und entdeckten eine Person, die
spannender nicht sein könnte.
Längst verloren geglaubte oder völlig unbekannte
Exponate wurden gefunden und warfen ein neues Bild
auf den Kaiser. Mit Napoleon III. gilt es nun eine
bedeutende Gestalt der französischen, Schweizer,
deutschen und europäischen Geschichte neu zu entdecken,
die in der bisherigen Geschichte weitgehend auf die
Bedeutung eines „nützlichen Crétin" reduziert
wurde.

Otto von Bismarck und Napoleon III. nach der Schlacht
von Sedan. Walter Stein: Bismarck. Des eisernen Kanzlers
Leben in annähernd 200 seltenen Bildern nebst
einer Einführung. 1915.
Wikimedia Commons
Wie sah sich der Kaiser selbst?
Napoleon III. beurteilte seine Leistungen mit einem
guten Schuss Selbstironie und meinte: „Was
für eine Regierung ist die meine! Die Kaiserin
ist Legitimistin, Napoléon Jérôme
Republikaner, Morny Orleanist; ich selbst bin Sozialist.
Einzig Persigny ist Bonapartist, aber er ist verrückt!"
Dominik Gügel M.A., Direktor Napoleonmuseum
Thurgau
Literaturhinweise:
Erbe, Michael (Hrsg.): Napoleon III. In: Hartmann,
Peter C.: Die Französischen Könige und
Kaiser der Neuzeit 1498-1870. München 2006
Kühn Joachim: Königin Hortense und ihre Söhne.
Stuttgart 1965
Kühn, Joachim: Napoleon III. Ein Selbstbildnis
in ungedruckten und zerstreuten Briefen und Aufzeichnungen.
Arenenberg 1993
Smith, William: Napoleon III. Paris 1982
Willms, Johannes: Napoleon III. Frankreichs letzter
Kaiser. München 2008 |