| Die „vollendete Hortense", so
nannte sie der englische Dichter Lord Byron. Für
Hortense de Beauharnais, Stieftochter und Schwägerin
Napoleons I., standen einst die Paläste Europas
offen. Doch nach Napoleons Abdankung musste sie Frankreich
verlassen. Ihren Exilsitz, das Thurgauer Schloss Arenenberg
am Schweizer Bodensee, gestaltete sie zu einem „geliebten
Kleinod", für das sie die besten Architekten
und Gärtner ihrer Zeit engagierte. Gekrönte
Häupter gingen auf Arenenberg ebenso ein und aus
wie die politische, künstlerische und intellektuelle
Elite des 19. Jahrhunderts. Heute beherbergt das Anwesen
das „Napoleonmuseum Thurgau Schloss und Park Arenenberg",
ausgestattet mit den Originalmöbeln der Königin
und zahlreichen Erinnerungen an die Kaiserzeit. Königin Hortense de Beauharnais (1783-1837) gehörte
zu den gebildetsten und umstrittensten Frauen ihrer
Zeit. Sie war die Tochter aus erster Ehe der Kaiserin
Joséphine. Napoleon I., der zweite Ehemann ihrer
Mutter, adoptierte sie und verheiratete sie mit seinem
launischen, kränkelnden Bruder Louis. Die Kinder
des Paares sollten nach Napoleons Willen dereinst den
Thron Frankreichs besteigen. Drei Söhne gebar
Hortense in ihrer unglücklichen Ehe, und Napoleons
Wunsch erfüllte sich: Ihr jüngster Sohn Louis
Napoleon ging als Kaiser Napoleon III. in die Geschichte
ein.

Gérard, François Pascal Simon:
Porträt der Königin Hortense, ca. 1800 -
1810. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei.
Wikimedia Commons
Nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo 1815 wurde
Hortense und die gesamte Familie Bonaparte aus Frankreich
vertrieben. Am Ende einer abenteuerlichen Flucht
durch halb Europa fand die Königin zusammen mit ihrem
jüngsten Sohn Asyl am Bodensee. In ihren Memoiren
schreibt sie: „Die Regierung des [Schweizer]
Kantons Thurgau erlaubte mir, dasselbe [Arenenberg]
zu kaufen. Sie hat dadurch das Verdienst erworben,
mich zur Ruhe kommen zu lassen, denn ich war auf Betreiben
Frankreichs hin von allen Regierungen ausgewiesen worden".
Die ganze Welt zu Gast bei Hortense
Die Bevölkerung liebte ihre „Frau Herzogin",
wie sie sich volksnah nennen liess. Hortense unterstützte
Arme und Kriegsflüchtlinge, Schulen und kirchliche
Einrichtungen. Dichter, Politiker, Wirtschaftsgrössen
und Künstler aus aller Welt machten der Königin
ihre Aufwartung: René de Chateaubriand, Alexandre
Dumas, Franz Liszt, Henri Dufour, Ignaz Heinrich von
Wessenberg, Alexander von Humboldt, um nur wenige zu
nennen - das Gästebuch Arenenbergs liest sich
wie ein „Who is who" des 19. Jahrhunderts.
Sie alle schwärmten von der charmanten Gastgeberin,
dem geschmackvoll eingerichteten Haus, dem weitläufigen
Park, den Hortense selbst pflegte, und vom legendären
Sonnenuntergang über dem Untersee, dem westlichen
Teil des Bodensees, der auch heute noch die Besucher
verzaubert.

Isabey Jean-Baptiste (1767-1855): Die Königin
Hortense (1783-1837). Schloss Malmaison. Bild: Wikimedia
Commons
Willkommen im Schloss
Wie zu Hortenses Zeiten ist es auch heute ein offenes,
gastfreundliches Haus. „Die Besucher sollen
sich wie Gäste des Hauses fühlen",
erklärt Dominik Gügel, der gemeinsam mit
Christina Egli das Napoleonmuseum leitet. Und tatsächlich
strahlen die Räume eine wohnliche Atmosphäre
aus, ganz als würden sie noch hier leben: die
Dame des Hauses, ihr quirliger Sohn Louis Napoleon,
der spätere Kaiser Napoleon III., und der kleine
Hofstaat. Nicht nur in der Bibliothek laden faksimilierte
Skizzen- und Gästebücher zum Schmökern
ein; die ca. 900 originalen Bände aus der kaiserlichen
Sammlung stehen im Mahagonischrank, den die Königin
auf ihrer Flucht mitführen liess. Im Speisesalon
wird heutzutage zwar kein „petit déjeuner" mehr
serviert, doch der mit Porzellanservice und Kristallkaraffen
gedeckte Tisch wirkt mehr als einladend. Kinder verwandeln
sich in kleine Prinzen und Prinzessinnen, spielen
mit Bauklötzen und „historischem" Spielzeug,
während sich die grösseren Kinder und Eltern
an Bildschirmen über die Historie des Schlosses
und seiner Bewohner informieren können.

Hortense de Beauharnais, Mutter des Kaisers Napoleon
III., pflegte auf dem Arenenberg ein anspruchsvolles
Gesellschaftsleben. In ihren exquisit eingerichteten
Salons wie hier im Zeltsalon empfing sie illustre Geistesgrössen
ihrer Zeit. Bild: Napoleonmuseum
Der „grosse Korse" betrat übrigens
den Arenenberg nie. Hortense aber pflegte das Andenken
ihres verehrten Adoptivvaters, und so zeugen zahlreiche
Memorabilien, beispielsweise seine Totenmaske und berühmte
Gemälde, vom Leben des ersten Kaisers der Franzosen.
In den ersten Stock, die Beletage, durften damals
nur wenige Auserwählte hinaufsteigen. Heute stehen
die Privatgemächer der königlichen Familie
jedem offen. Das gerade erst in seinen Originalfarben
restaurierte Schlaf- und Sterbezimmer der Königin
allein ist schon ein Besuch auf Arenenberg wert. Zitronengelbe
Damasttapisserie bespannt die Wände, Rokokoornamente
und Empiremöbel zieren den Raum, der Blick durch
die Fenster gleitet über den Untersee, die Insel
Reichenau und Konstanz. Hier starb die Königin
1837 in den Armen ihres Sohnes Louis Napoleon. Ein wahres Arkadien: Der Landschaftspark
„
Hortense befasste sich gern mit der Natur und fand
ein wahres Vergnügen darin, den sie besuchenden
Fremden die Standorte zu zeigen, von welchen aus man
die schönste Aussicht genoss", schrieb ein
unbekannter Zeitgenosse. Auch heute begleitet der gute
Geist der botanikvernarrten Hausherrin die Gäste
durch das Wegenetz des ca. zwölf Hektar grossen
Geländes.

Im wiederhergestellten Landschaftsgarten unterhalb
von Schloss Arenenberg zeigen sich original erhaltene
Grotten, Pavillons, eine Eremitage und Wasserspiele
in neuem Glanz. Auf verwunschenen Wegen bieten
Sichtachsen überraschende Ausblicke über
den See. Bild: Napoleonmuseum
Nach den Idealen Jean-Jacques Rousseaus liess sich
Hortense von den besten Gartenarchitekten Europas
- darunter kein Geringerer als Fürst Hermann von
Pückler-Muskau - ihren Traum verwirklichen. Sie
schuf damit einen der bedeutendsten Landschaftsparks
ihrer Zeit. Wasserspiele, Eremitage, Grotten, eine
vom Prinzen konstruierte Brücke über der
wildromantischen Schlucht, exotische Pflanzen, üppige
Blumenbeete und -rabatten gestalteten einst ihr „königliches" Arkadien.
Seit 2004 wird der Park wissenschaftlich erforscht
und erhält nun Stück für Stück
sein historisches Aussehen zurück. Das Herzstück
des Arenenberger Landschaftsparks wurde im August 2008
der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. |